15 + 1 Fragen an Matthias Röckl

Bitte stell dich uns kurz vor

Matthias Röckl

Mein Name ist Matthias Röckl. Ich lebe mit und von Musik und spiele selbst in einer Band, den Asio Kids. Wir haben eine musikalische Fernbeziehung München/ Schwabing- New York/ Brooklyn. Unser Debutalbum ist gerade auf Buback Tonträger in Hamburg erschienen. Mein Geld verdiene ich u.a. als Korrespondent für den Bayerischen Rundfunk aus New York.

In welchen Städten/Orten/Ländern hast du bereits gelebt?

Fenster zum Hof
Aufgewachsen bin ich in Landshut/ Niederbayern. LA ist eine wunderschöne Stadt, die leider sehr konservativ ist und oft als ‘Beamtenstadt’ bezeichnet wird. Ich komme trotzdem immer wieder gerne dort hin- es ist quasi mein zu Hause auf Pause. Danach war ich ein Jahr in Regensburg als Zivildienstleitender. Zum ersten mal alleine Wohnen, zum ersten mal nur für sich selbst einkaufen (müssen). Ich erinnere mich noch an den 88 D-Mark Schock an der Kasse bei Tengelman.

Darauf folgten 7 Jahre München, dort landete ich hinter Plattenteller und dem Radiomikrofon bei der Sendung Zündfunk, des Bayerischen Rundfunk. Seit 2004 lebe ich in Brooklyn, New York.

Wie groß ist Deine Wohnung und wie viele Leute leben dort?

Ich lebe mit meiner Freundin in einer kleinen 2 Bedroom Wohnung. Das bedeutet: Schlafzimmer, Wohnzimmer, Küche, kleines Musikstudio- insgesamt vielleicht 45 qm.

Welche Rolle spielt dein Stadtteil für dich, d.h. inwiefern bestimmt die Welt vor deiner Haustür dein Wohngefühl mit?

welcome to brooklyn

Ich bin in 4 Jahren schon 5 mal umgezogen. Meine Umgebung erkundschaffe ich dabei wie ein Locationscout. Ich fahre mit meinem Fahrad alle Quer- und Einbahnstraßen ab, schlendere durch Parks und mache Brotzeit auch mal auf dem örtlichen Friedhof. Ich merke mir Gesichter und Straßennamen, denn es ist toll wenn man in NYC immer wieder bekannte Gesichter sieht. Wie z. B. der meist besoffene polnische Wirt, der lieber Künstler sein würde und vor seiner Kneipe die Bilder mit Tesa an die Wand kleistert, das Mädchen mit der großen Brille, dass immer im Bagelstore süßen Kaffee schlürft. Brooklyn besteht aus vielen kleinen Neighbourghoods und überall kann man eine Community antreffen. Es gibt jedoch auch Leute die ihr Neighbourhood nie verlassen. Ich finde es völlig absurd, wenn Leute die seit 30 Jahren in New York leben, nur ihr eigenes Viertel kennen. Es gibt zum Beispiel Leute, die in der Bronx leben und noch nie in Brooklyn waren. Viele dieser Leute sprechen kein Englisch und haben schlicht Angst in eine fremde Gegend zu gehen. Sie leben in einer kleinen Welt in der Großstadt NYC.

hausdach-empire-state-building

Ich bin in NYC schon sehr viel rumgekommen. Zuerst lebte ich im industriellen Bushwick in einem alten Fabrikloft mit 200 verschiedenen Leuten, jeder hat irgendeinen kreativen Kram gemacht. Die nötigsten Dinge, wie Bier und Milch haben wir dort in einem kleinen Deli eingekauft. Es gab Hipster, Studenten, Junkies, sozialhilfe Empfänger und alleinerziehende Mütter, die um 4 Uhr Morgens mit Kinderwagen auf der Straße standen und Alkohol konsumierten und die Puerto-Ricanische Disko war nebenbei ein geheimer Escort Service. Für mich war das eine herrliche Abwechslung zum sauberen München. Momentan wohne ich im polnischen Viertel in Greenpoint. Hier gibt es Schnitzel für 7 Dollar 50 und einige tolle Bars mit Live Musik. Es entwickelt sich gerade zu einem neuen Inviertel, denn Williamsburg, das beliebteste Viertel in Sachen Kunst, Kultur, Musik in Brooklyn, grenzt an Greenpoint an. Brooklyn scheint momentan sowieso zu boomen ohne Ende. Sogar die renommierte Knitting Factory, ein Konzertveranstaltungsort in Manhattan, zieht jetzt über den East River nach Brooklyn. Mit Manhattan kann ich nicht viel anfangen. Zu laut, zu hektisch, zu anonym, zu reich. In Brooklyn gibt es ein stärkeres Community Feeling und die Leute sind mehr auf dem Boden geblieben. Vieles ändert sich momentan auch in Brooklyn, Luxusgebäude werden hochgezogen, die Imigranten aus Südamerika und der Karibik trifft es dabei am härtesten. Sie werden bald an den Rand von Brooklyn ziehen müssen. Das ganze nennt sich im Fachchargon Gentrification, ein Prozess, der seit jeher zur Geschichte von New York gehört und unaufhaltsam ist. Trotzdem bin ich mir sicher, dass Brooklyn sich nicht unterkriegen lassen wird.

Als Musik- und vorallem auch Hip Hop Fan ist es toll in NYC zu leben. Es ist einfach immer wieder ein aufregendes Gefühl, wenn du im Radio einen Jay Z oder Notorious B.I.G. Song hörst und weißt, daß es in dem Song um das Leben geht, daß du vor deinen Augen siehst. Du kennst die Viertel von denen die Rede ist, wie Marcy Avenue, Bed Stuy, Brownsville. Es gibt unglaublich viele historische Orte in Sachen Musik in Brooklyn und die Brooklynites sind extrem stolz, dass jemand aus ihrer Nachbarschaft zu einer eine Hip Hop Legende wurde. Manchmal legen im Radio die Dj’s nur Songs aus Brooklyn auf und die Leute rufen live in der Sendung an um ihre Stadtteile zu ‘representen’. Ein weiterer schöner Nebeneffekt:

In New York braucht man nie wirklich Angst davor haben ein Konzert zu versäumen. Jede Band macht hier halt- viele davon 2 mal pro Jahr.

Was ich vermisse in Sachen Wohngefühl ist PLatz, PLatz und Platz. Ich habe gelernt nur das nötigste zu behalten. Ich beneide Leute die in Berlin in einer Altbauwohnung mit 4 Zimmern residieren.

Welche Jobs hast Du bereits gemacht?

Meine ersten Ferienjobs: Fensterputzen. Der Konkurrenzkampf unter den Fensterputzern war enorm. Je schneller desto mehr Credibility unter den Kollegen und desto mehr Geld. Ich war im hinteren Mittelfeld.

Danach ging ich zum Radio nach München. Beim Zündfunk (Bayerischer Rundfunk) durfte ich Anfang 2000 meine eigene Musiksendung moderieren. Musikrichtung überwiegend Hip hop, Funk und Soul und Artverwandtes.

interview

Die Sendung produziere ich auch heute noch von Brooklyn aus- inzwischen spiele ich aber auch mal Singer Songwriter oder Bands aus der Nachbarschaft, wie MGMT. Viele Musiker in meiner Show haben noch keine Plattenverträge oder sind gerade sehr popuär in der Stadt, doch noch unbekannt in Europa. Meist dauert es 6 bis 8 Monate bis irgendein Musikblatt in Europa eine Band dann hochjubelt und ab dann sind diese Bands schwieriger für Interviews zu bekommen, weil tausend Manager- und Plattenfirmen- Leute ihre Hände mit im Spiel haben.

Inzwischen bin ich seit 10 Jahren beim Radio und hatte bisher die Ehre alles mögliche machen zu dürfen.

Livesendungen, Jingles, Sounddesign, Produktion einstündiger Sendungen etc. Die Sendung Zündfunk ist über 30 Jahre alt- eine nicht- kommerzielle Musikoase auf Bayern 2 Radio.

Eigentlich bin ich nach New York gegangen um neue Dinge anzufangen. Ich wusste damals überhaupt nicht was das sein könnte, doch eines Tages kaufte ich mir eine Videokamera und ein Schnittprogramm um erste Videos zu produzieren. Anfangs dokumentierte und filmte ich für Hip Hop DVD’s mit aufstrebenden Rappern aus NYC. Seit 2 Jahren bin ich nun Autor von Fernsehbeiträgen für Arte und die Sendung ‘Tracks’. Die meiste Arbeit stecke ich momentan in meiner Videokolumne ‘Bayer in Brooklyn‘. Alle 2 Wochen liefere ich ein 6 Minütiges Video ab, dass Künstler, Musiker und skurille Dinge in NYC vorstellt. Das ganze erscheint auf der Website der neuen Jugendwelle des Bayerischen Rundfunk, On 3 Radio.

Kannst du gut anpacken? Hast du handwerkliche Fähigkeiten?

Leider sieht es da ein wenig düster aus. Schon in meinem Elternhaus war es schwierig den richtigen Schraubenzieher zu finden. Ich habe mir immer einen Werkzeugkasten gewünscht, aber mein Vater wollte dafür nichts ausgeben.

Ich habe selten selbst etwas gebaut und besitze momentan auch nur die Basics. Ein Werkzeugkasten wäre schon toll. Ich glaube, wenn man dafür eine Leidenschaft entwickelt, findet man auch sein handwerkliches Talent. Es schlummert quasi in einem. Vor kurzen erzählte mir jemand auf einer Party, dass er eine Farm für 300.000 Dollar gekauft habe, die er gerade renoviere. Ich meinte ‘Ich könnte das nie selbst machen’ und er sagte ‘Ja, so war das bei mir auch immer. Aber ich habe es mir einfach selbst beigebracht’. Eines Tages baue ich vielleicht auch ein Eigenheim.

Was kochst du für deine besten Freunde? Was kommt auf den Teller wenn es mal schnell gehen muß?

Da dominiert meine Freundin momentan. Sie kocht unglaublich gut, ohne Rezepte- das hat Sie von ihrem sizilianischen Vater beigebracht bekommen.

Ich löse Sie mit Gemüse, Hühnersuppe und Omlette ab. Ich spezialisiere mich ausserdem mehr in süßen Nachspeisen, Smoothies und Shakes, eine gute Ergänzung in der Küche.

Schnell auf den Teller gibt es bei uns nicht- da gehen wir lieber ‘schnell’ in eines der vielen Lokale in meiner Nachbarrschaft. Auswärts Essen ist sehr preiswert in NYC- Pole, Inder, Araber, Koreaner, Italiener, Portugiese, Columbianer, Mexikaner…alle in 10 Minuten Gehweite entfernt.

Kann man unangemeldet bei dir vorbeischneien?

Klaro. Wenn ich zu Hause bin schon. Gilt aber nur für Freunde.

Müssen deine Besucher ihre Schuhe ausziehen?

Das gehört zum guten Benehmen in einer Stadt, die nicht gerade bekannt ist für saubere und gepflegte Gehwege und U- Bahnen.

Es gibt aber immer wieder Kandidaten, die mich davor warnen, daß ihr Fußschweiß noch schlimmere Folgen haben könnte, als mit schmutzigen Schuhen in der Küche zu sitzen. Die dürfen ihre Stinkbolzen anbehalten.

Wie würdest du deinen Einrichtungsstil beschreiben?

Wohnzimmer

Natürlich. Alter Holzboden, Uralte Fenster, einige spirituelle Gegenstände meiner Freundin. Entspannt- ein guter Kontrast zu den Millionen von elektrischen Strahlen, die uns Wifi- mäßig umzingeln.

Wo verbringst du, abgesehen vom Bett, am liebsten Zeit in der Wohnung?

Dach Liegestuhl

Momentan auf unserem Dach, von dort hat man einen tollen Blick auf das Chrysler Building in Manhattan und das Empire State Building. Die meisten Dächer sind flach und ideal für Barbecue Partys. New York ist eine Rooftop Stadt, es gibt sogar Kinovorführungen auf den Dächern.

Welche Ecke deiner Wohnung zeigst du nicht gerne und warum?

Wenn du alles sehen willst, darfst du das auch. Die Wohnung ist nicht besonders groß, deshalb gibt es keine Stapelräume für dreckige Unterwäsche oder Papierkram.

Welches Möbelstück ist dir das liebste in der Wohnung?

Momentan die Couch.

Deine letzte Anschaffung, die völlig unnötig war.

Ein extra Set Bohrer für die neue Bohrmachiene.

Was fehlt dir noch in deiner Wohnung?

Eine Espressomaschine und 2 weitere Zimmer!

Welche Frage wolltest du schon immer mal beantworten? Und wie lautet die Antwort?

Welche Platte würdest du für den Sommer empfehlen? Antwort: Asio Kids ‘Aero’.

12 Kommentare (closed)

  1. Wow, ziemlich lange Antworten und mindestens genau so interessant. Sehr geil.

  2. Wirklich sehr ausführlich! Toll finde ich besonders die Antwort zur Wohngegend. Toller Beitrag ;)

  3. sehr geil!

    genau von dort bin ich heute aus dem Urtlaub gekommen. Endgeile Stadt.

    Sehr ungewöhnlich solch lange Antworten. Aber sehr ausführlich und interessant beantwortet!

  4. Klasse Beitrag!

    Bei einer so tollen Beschreibung von NY bekommt man wirklich Lust auf mehr.

    Kennt zufällig jemand einen guten Blog über das Leben in NY? Darf auch sehr gern auf englisch sein. Oder schreibt der Herr selber einen?

    Vielen Dank schonmal für Tipps und Links.

  5. Super Stadt und super Beitrag darüber… Respekt… endlich macht auch das lesen längerer Texte im Netz mal wieder Spaß :-)
    Der BR hat übrigens auch ein sehr gutes Online-Angebot… gäbe es den Bayern in Brooklyn auch als Podcast, wäre ich sofort dabei

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