blogger-und-zurueck

Ein Gastbeitrag von Nicolas Arnold.

Es ist Sonntag, 16:56 Uhr. Ich liege im Bett und draußen scheint die Sonne. Sonne, Sonne, seit Tagen immer nur Sonne. Der Wind macht, dass die Blätter an den riesigen Bäumen vor meinem Fenster rascheln und das Kopfsteinpflaster echot lärmendes Kindergeschrei. Sollte ich mich nicht weiter drüber wundern, ich hätte ja auch woanders hinziehen können, als in diese abtrünnige Enklave für wurffreudige Juppie-Paare. Aber das war der Plan: weg aus dem Stadtteil, der irgendwann mal gentrifiziert werden sollte, hin in eine Gegend, die mich irgendwann mal gentrifizieren würde. Status momentan eher: “DINKS” - Double Income, No Kids. Bloß ohne Double Income. Ich bin 27. Zwanzig Jahre meines Lebens habe ich damit verbracht, Schulmöbel plattzusitzen. Stapelstühle, Freischwingerstühle, Drehstühle, Polsterstühle mit Arbeitsplatte. Grundschule, Orientierungsstufe, Gymnasium, Ausbildung, Studium. Als meine Eltern so alt waren, wie ich jetzt, haben sie gerade geheiratet und in einer 200qm Wohnung nach der Arbeit als selbstständige Besitzer einer Handvoll Modeboutiquen, die sie gerade von den Eltern meines Vaters hinterhergeschmissen bekamen, darüber nachgedacht, wie sie mich am besten aus dem Bauch meiner Mutter rausholen lassen. Meine größte Aufgabe dagegen besteht in diesem Moment darin, über der Problematik zu meditieren, wie ich meine Arachnophobie, den fingerdick hoch stehenden Staub im Badezimmer und die Weberknechtspinne, die jegliche Grenzen der Physiognomie ihrer Gattung ignorierend 20 cm groß und quitschfidel über der Dusche rumhängt, unter einen Hut bringe. Ich bin kurz davor, meine Freundin anzurufen, damit sie eben vorbei kommt und mit dem Insekt eine Unterredung hält, aber dann fällt mir ein, dass meine Freundin in Berlin wohnt und der Plan hat sich erledigt. Es ist fünf Uhr nachmittags an einem Sonntag und das einzige, was ich bisher gemacht habe, ist bei mobile.de nach Autos zu gucken, die ich mir weder heute, noch in einem Jahr leisten können werde. Wenn ich darüber nachdenke, wann ich das letzte mal mehrere Stunden am Stück nichts gemacht habe, einfach gar nichts, dann lande ich in meiner frühen Kindheit. Diese Kindheit ist derart früh, dass sie wohl das Attribut embrional bekommen muss.

Langeweile und die Angst vor einem Tod durch Gehirnschlag

Während meines langweiligen Studiums, das sich seine Zeit zur Hälfte mit meiner noch langweiligeren Beschäftigung als “Junior AD” in einer Web 2.0 Sternschnuppe teilen musste, fing ich an, einen Designblog zu betreiben. Regelmäßig etwas “neues aus der Welt der Agenturen, Illustratoren und Fotografen” zu präsentieren, gespickt mit Artikeln über den ganz normalen Internet-Meme-Wahnsinn, angerichtet auf einem dezenten CSS-Layout, umhüllt von lässigen Witzen - so stellte ich mir das in etwa vor und YEAHYOURERIGHT.com war geboren. Aus irgendeinem mir auch im Nachhinein nicht erklärlichen Grund zog ich innerhalb kürzester Zeit meine gesamte Energie von anderen Gebieten ab und kanalisierte sie Richtung Blog. Vielleicht war es der narzistische Drang, etwas bleibendes in einer Welt, in der vergilbte Rennräder und Baumfällerhemden zu Modeaccessoirs geworden sind zu hinterlassen, denn als leidenschaftlicher Hypochonder erwartet mich der mögliche Tod durch Gehirnschlag an jeder Straßenecke. Was auch immer es war, es war mir jedenfalls plötzlich wichtiger, als in direkter Interaktion mit meiner Umwelt zu stehen. Und so ward ich fortan ohne Laptop nicht mehr gesehen.

Mein Name ist Blechbubi

Schon morgens in den Vorlesungen, zu denen ich prinzipiell zu spät kam, weil ich in der vorangegangenen Nacht meinen Feedreader aus Recherchegründen bis zum Exzess gemolken habe, fing ich an, die Beiträge für den nächsten Tag zu verfassen. In meiner produktivsten Zeit schrieb ich bis zu acht Artikel pro Tag und nicht selten zog sich dieser Prozess bis in den späten Nachmittag, trotzdem ich in der Zwischenzeit meine Anwesenheit vom Hörsaal in richtung Arbeitsplatz verlegt hatte. Geschrieben wurde überall: im Konferenzraum, im Auto, auf dem Klo, unterm Weihnachtsbaum. Das muss der Moment gewesen sein, an dem meine Kommilitonen begannen, meinen Namen zu vergessen, aber das war egal und beruhte auf Gegenseitigkeit, denn ich hatte eh längst damit aufgehört, mit ihnen zu sprechen. Meine Mutter schimpfte bei jedem Besuch auf meinen Computer und sie erfand für die immer öfter auftretenden Auseinandersetzungen an den wenigen Wochenenden, an denen wir uns sahen, extra den Begriff “Blechbubi” - wobei ich bis heute nicht herausgefunden habe, ob sie damit mich oder mein Notebook meint. Ich kann mich noch genau an die euphorische Freude erinnern, die ich empfand, als ich von der Erfindung einer in meinen Augen bahnbrechenden iPhone App las, die es dem Nutzer mittels Kameraprojektion ermöglichen sollte, E-Mails zu schreiben, ohne beim Laufen den Blick vom Display abwenden zu brauchen. Ein Quantensprung auf dem Weg zum vollendeten Autismus.

Schlagbohrmaschinen und 10 Dollar-Mönche

Irgendwann muss meine damalige Freundin schluss gemacht haben, sie kam jedenfalls eines Tages nicht mehr wieder und auch um die mahnend-mitleidigen Blicke meiner Chefs während des Kündigungsgesprächs zu deuten braucht es keiner überdurchschnittlicher emotionaler Intelligenz. Zu diesem Zeitpunkt war es mir nicht mehr möglich, ein beliebiges technisches Gerät - und wenn es das Haustelefon war - in die Hand zu nehmen, ohne von jemandem hämisch Sätze wie “Na, was musst du denn jetzt schon wieder aggregieren, hm?” serviert zu bekommen. Ich war derart erfindungsreich im Umgang mit den neuen medien geworden, dass man mir offenbar auch zutraute, mit einem Videorecorder oder einer Schlagbohrmaschine zu bloggen. Immer öfter verwoben sich Wordpress und Privatsphäre ineinander, bis ich nach einer längeren Auszeit vollkommen ausgelaugt eine Rucksackreise nach Thailand unternahm. Nur acht Monate, weit über 300 Artikel und unzählige Kommentare hatten mir ein ausgewachsenes Burnout Syndrom beschert. Mittlerweile waren die Schranken und Informationsfilter in meinem Kopf durch die ganze Querleserei, die man sich für die Recherche von Blogartikeln aneignet, dermaßen weit aufgerissen, dass mir ausgerechnet ein thailändischer 10 Dollar-Mönch mit Warze am Kinn handlesend eine alternative Zukunft aufschwatzen konnte. Und so trat ich, ein bißchen verwirrt von dem Gebrabbel der Thai, aber irgendwie verändert, die Rückreise nach Deutschland an.

Twittern mit Tarantula

Nachdem ich im Anschluss an mein Studium für ein paar Wochen als Freelancer gearbeitet hatte, bekam ich ein Angebot für eine Stelle als Broadcast Designer in einer Post Production und langweilte mich seither bei der Arbeit auch nicht mehr. Ich suchte mir ein Ersatzsedativum für meine Bloggewohnheiten und fand mit Twitter die perfekte Lösung für portionsweise abgefüllten Gedankenbrei. Ich hatte sogar das seltene Glück, hier meine Liebe zu finden und pendele seither mit hüpfendem Herzen zwischen Hamburg und dem dicken B. Ganz nebenbei wirkt hier das Ersatzsedativum perfekt, denn hätte ich das nicht, müsste ich einen Blog mit den Geschichten eröffnen, die ich als Mitfahrgelegenheitmitfahrer erlebe. Und selbst mit meinen ehemaligen Kommilitonen treffe ich mich manchmal, auch wenn sie immer noch hin und wieder Probleme mit meinem Namen haben. Plötzlich habe ich Zeit. Ich fühle mich nicht mehr schlecht dabei, am Sonntagabend “Prominent!” zu schauen und dazu dummes Zeug in meinen Microbloggingclient zu tippen, anstatt die ersten Artikel für die kommende Woche vorzubereiten. Ich könnte mir sogar Gedanken darüber machen, wie man an eine 200qm Wohnung oder ein Kind in den Bauch meiner Freundin kommt.

Es ist 18:36 Uhr. In meinem Badezimmer wohnt Tarantula, in meinem Schlafzimmer sieht es aus wie Kosovo und bei Sonneneinstrahlung wird der Eindruck garantiert nicht besser. Tarantula, meine Wohnung, der Kosovo - halt mal, daraus lässt sich doch bestimmt ein Tweet stricken? Ich denke mal drüber nach - draußen, an der Alster!

Wenn Nicolas sich selbst beschreiben muss, dann so: “Nicolas Arnold floh vor sieben Jahren nach Abitur und Zivildienst vom flachen niedersächsischen Land in die Hansestadt Hamburg, um einen beispiellosen Feldzug gegen die Analogität in seinem Leben zu führen. Nach einer Ausbildung und einem Studium hat er heute, 27-jährig, seinen Platz in der Was-mit-Medien-Branche gefunden und fröhnt seither lustvoll der Digital Nativeness, unter anderem bei Twitter.”

Fotocredit: Nicolas Arnold

Über den Autor

Kai Müller {stylespion.de}

Herausgeber StyleSpion.de. Steht auf schöne Sachen, twittert, liebt Musik und die Fotografie.

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