Fokus

Während ich noch versuche, mich mit den nicht mehr von der Hand zu weisenden grauen Herbst zu arrangieren, deutet der Blick auf den Kalender etwas weitaus Verrückteres an: auch 2010 ist schon fast zu Ende. Im Ernst. Noch sechs, vielleicht sieben Wochen, und der danze Zirkus wird langsam herunter gefahren. Wir werden uns beschweren, dass Weihnachten purer Stress ist, und uns insgeheim doch darüber freuen, dass wir für ein paar Tage, vielleicht sogar eine ganze Woche, quasi ganz offiziell faul sein dürfen.

Wenn ich mich in den letzten Monaten mit Freunden, Bekannten oder Kunden unterhalten habe, waren wir schnell beim Thema Auslastung, gerne auch Überlastung angekommen. Es tut sich viel. Viele machen sich selbständig, gründen Agenturen, starten als Freelancer, gehen zurück in die Festanstellung, oder korrigieren ihre einst eingeschlagene berufliche Richtung. Es herrscht eine Mischung aus absoluter Unsicherheit, gnadenloser Euphorie (“Alter, im Moment ist einfach alles möglich!”) und Erschöpfung. Alle rotieren, und doch wünschen sie sich vor allem eines: eine Auszeit. Als ich letzte Woche im Flieger nach München in der aktuellen Brand Eins den Artikel über Stefan Sagmeisters Auszeit (Sagmeister bricht alle sieben Jahre seine Zelte ab, nimmt sich ein ganzes Jahr Auszeit, um seine Gedanken zu sortieren und seine Kreativität am fließen zu halten) gelesen habe, ging ein Kopfkino los, das mich auch eine Woche später noch beschäftigt. Nun, ich bin nicht Sagmeister. Meine Art dem Stillstand zu begegnen ist nicht das Aufhören, sondern das Austauschen. Logisch, egal wie wir es drehen und wenden, der Tag wird nicht mehr Stunden haben. Also verlagern sich die Schwerpunkte. Und plötzlich bin ich wieder da, wo ich vor Jahren stand: ich setze Webseiten um und es macht mir Spaß. Relativ neu sind Jobs als Fotograf – wäre vor drei Jahren nichtmal im Ansatz denkbar gewesen.

Diese Beweglichkeit ist es, die ich an dem Freelancertum so schätze. Diese Beweglichkeit ist es aber auch, die einem so richtig zusetzen kann. Diese dumpfe Dauermüdigkeit, die so vielen zu schaffen macht, kenne ich aus erster Hand. In der letzten Ausgabe der Zeit das Titelthema: wir schlafen zu wenig. Wem sagen Sie das?

Was ich sagen wollte: Ich habe keinen Plan. Bis zum Jahresende werde ich weiter an so vielen Projekten arbeiten, wie es machbar ist. Anfang 2011 möchte ich gerne ein paar Dinge in den Fokus rücken, dafür benötigt es eine Auszeit. Diese Website gehört wahrscheinlich nicht dazu, vielleicht aber doch. Wer weiß das schon?

Wie geht es euch denn gerade so?

22 Kommentare (closed)

  1. Ich hatte letzte Woche einen coolen Abend mit ein paar Bekannten aus Köln, Berlin und München, so etwas holt mich dann immer mal wieder etwas runter. Tja und dennoch ist es Stress Arbeit, Studium und Blog unter einen Hut zu bekommen.
    Perfekt ist es, wenn sich der Kreis immer mehr schließt! Und aus drei eins wird und das fühlt sich immer mehr so an für mich! Und zur Not mache ich es so wie Sagmeister, vielleicht nicht ein Jahr aber zumindest mal ein Wochenende!
    Bin gespannt, was von dir noch so kommt!

  2. Ganz gut, danke der Nachfrage :)

    Umzug, Vorbereitung aufs Studium, nebenbei wieder einen Job suchen und das bald Weihnachten/Jahresende ist verdränge ich gekonnt.
    Erst recht Silvester hat für mich wenig Bedeutung, ich freue mich aber endlich wieder zu meiner Familie zu fahren, hoffentlich nicht zu viel Stress zu haben und alte Freunde zu treffen.

    Viel Erfolg und Kraft bei deinem Vorhaben!

  3. Ach Auszeit. Ja, ein Thema was ich mir leider aktuell so gar nicht erlauben kann und ich bin mir auch nicht so sicher wie lange ich eine Auszeit tatsächlich aushalten würde?? Aber es reizt natürlich sehr. Ebenso auch das Thema sich seine Zeit selber einteilen zu können/müssen. Fluch und Segen zugleich denke ich. Ich für meinen Teil bin u.a. aus beruflichen Gründen umgezogen. Gleicher Job, andere Stadt. Alles Grösser und neu und inspirierend. Aktuell auch immer auf der Suche nach dem richtigen, kreativen Ausgleich zur Festanstellung. Aber die knappe Freizeit will entsprechend gewürdigt und genutzt werden. Hach und das Thema in der ZEIT war genau meins, diese unterschwellige Dauermüdigkeit. Da bin ich für jeden Tipp dankbar. Toller Beitrag mal wieder. Danke.

  4. (Eigentlich war das gerade die lange Version deines Einführungstextes ganz oben.)

    Mir gehts gut. Ich fahr gerade die Dinge, die ich für Geld mache, etwas herunter, um die Zeit zu finden für Dinge, die ich machen will.

  5. Euphorie und Fatalismus gemixt. Studium zu Ende, aber keine wirkliche Lust auf 9to5. Doktorarbeit angefangen, aber ohne HiWi-Stelle. Bisschen weiter vorarbeiten, freiberuflich bisschen Geld. In erster Linie machen, machen, machen.

  6. Das Jahr neigt sich dem Ende und im Neuen wird vieles anders werden und ich freue mich sehr darauf. Stress wird sicher dazu gehören, aber ich hoffe sehr, dass es positiver Stress sein wird, der neue Möglichkeiten eröffnet.
    Genaueres will ich hier erstmal noch nicht breit treten, aber du weißt ja Bescheid.

    Und jetzt liegt der Fokus darauf erstmal das Jahr erfolgreich zu Ende zu bringen. Dann auf zu neuen Ufern.

  7. Ja, mir geht es ähnlich. Ein ganzes Jahr »Auszeit« brauche ich aber zum Glück nicht. Hin und wieder sind die verschiedenen Jobs [Grafik, Konzeption – zunehmend auch Fotografie!] als eine solche zu betrachten. Das Spektrum ist sehr umfangreich geworden, Somit ist vielleicht der Fotoapparat die Auszeit für die Rechnerarbeit und umgekehrt.
    Ich mache das, was mir Spaß macht und verdiene damit sogar mein Geld damit. Cool.
    Und ja, das Jahr geht wie immer viel zu schnell vorbei. Aber es kommt ein neues – garantiert!

  8. Als Freiberufler kenne ich den Zustand selber nur zu gut: die volle Beweglichkeit zu haben und dennoch auch “Zwängen” ausgesetzt zu sein. Und immer wieder tut sich auch daran etwas, gibt es Veränderungen, Anpassungen. So “optimiere” ich gerade auch meine Ausrichtung, versuche die Struktur zu verbessern, einen neuen Abschnitt einzuleiten, der dann mit dem kommenden Jahr starten soll.

    Es ist spannend, es ist viel zu tun, aber die Möglichkeiten sind unbegrenzt :-)

  9. “Es herrscht eine Mischung aus absoluter Unsicherheit, gnadenloser Euphorie und Erschöpfung.”
    Besser hätte man es nicht schreiben können.

    Längere Auszeiten sind klasse. Man denkt man verpasse so extrem Wichtiges aber genau das Gegenteil ist der Fall: Das Leben huscht nicht so schnell an einem vorbei.

  10. Also ich hab auch als Angestellter und Familienvater wenig Zeit für eigene Dinge. Man kann sich ja Zeit nehmen – muss es einfach nur machen, jedoch sind die Fenster immer recht klein, mit Erwartungen angefüllt und es ist am Ende unbefriedigend Angefangenes liegen lassen zu müssen, weil einen die “Pflichten” wieder einholen. Hab mir fest vorgenommen und begonnen, mich intensiver um mich und meine Ideen zu kümmern. Dafür lass ich anderes eben einfach weg. Du beschreibst es ganz nett, so dass man fast glauben kann, dass die Randerscheinungen seines ganz persönlichen Stresses was Positives seien.

    Ach ja, mir gehts gut, aber bin gestresst. Bräuchte mal ne bezahlte Auszeit…

  11. Mein Jahr erreicht in 5 Wochen seinen Höhepunkt, wenn meine Frau unser erstes Kind zur Welt bringt. Danach kann das Jahr von mir aus ausklingen wie es will.

  12. @ Christian: Noch nicht auf der Welt und schon zur Pünktlichkeit erzogen! Bravo!
    Wünsche alles gute!

  13. “leben ist das, was da draussen passiert, während du andere pläne machst.”

    diesen satz habe ich für mich verinnerlicht und versuche ihn anzuwenden, so oft es geht.

  14. also ich schlaf auf jeden fall auch zu wenig.

    ansonsten hat der willkürlich festgelegte zeitpunkt der jahreswende keinen einfluss au mich, erst recht nicht jetzt schon.

    pläne für die nächste zeit sind gefasst, vorsätze, sowas funktioniert bei mir nicht,
    ich lebe weiter wie gewohnt, und stehe jeden moment für meine existenz ein, ohne zu sagen, ab morgen mach ich alles anders.

  15. Ich schlafe momentan zu viel! Im mai habe ich einen kompletten cut gemacht und meinen festen Job, ich sags mal so, ausklinken lassen. Grund dafür war das er mir überhaupt keine laune gemacht hat und ich seit acht Jahren mal eine Pause brauchte. Ab Januar drück ich wieder die Schulbank und fang von vorne an. Bis dorthin versuch ich das zu machen was mir spaß macht. Wer weiß wann ich wieder die Möglichkeit dazu habe.

  16. Umzug, Fokus auf neue Städte, (hoffentliches) Bestehen der Abschlussprüfung und endlich der Einstieg ins Angestelltenleben, vielleicht auch der Beginn eines Freelancertum – auch wenn das Burnout sicher neben dem Nikolaus vor der Tür steht, ich habe das Gefühl, wenn ich jetzt die Handbremse ziehe, geht ganz gewaltig was schief. Ich bin da wo ich immer sein wollte, sehr cool ;)

    Ich hatte neulich eine Art Sabbath-Woche im Südfrankreich-Urlaub und hoffe auf die Erkenntnis, wie man die Auszeit permanent ins Alltagsleben integrieren kann. Vielleicht einfach mal wie die Franzosen Fünfe grade sein lassen??

    Aber irgendwie ist man mit dem ganzen Quatsch das Jahr über ja auch gewachsen.

    Am meisten freue ich mich auf den Start des Coworking-Projekts, es vielleicht wachsen zu sehen :)

  17. Ich habe mich gerade entschieden, zurück zu den Herzensmenschen zu ziehen, auch wenn das bedeutet, 3 mal die Woche lange Zugfahrten zum Job und zurück auf mich zu nehmen. Das Gefühl zu Hause zu sein wird, glaube ich, der Dauermüdigkeit und der Auszeit-Sehnsucht entgegenwirken. Weil die Auszeit dann nur noch eine Tür oder eine Straße weit entfernt ist.

  18. Servus,
    Ein echt gelungener Beitrag, der in vielen Teilen die eigenen Erfahrungen & Gefühle widerspiegelt. Trotz der Tatsache, dass ich “nur” Student bin, arbeite ich nebenbei, versuche “ordentlich” zu bloggen, meinen Hobbies nachzugehen & doch noch an mich gerichtete Erwartungen zu erfüllen. Silvester als kalendarische Jahresgrenze ist mittlerweile genauso fiktiv, wie der Sonntag als Ruhetag. Der Zeitflusss läuft stets gleich schnell & scheint in der zunehmend interaktiv werdenden Zeit immer rücksichtsloser seinen Weg zu gehen. Den Artikel in der brandeins fand ich auch sehr gut, wobei zwei Aspekte für mich sehr wichtig sind: 1. Man braucht die finanzielle Möglichkeit für eine Auszeit 2. Man braucht den Mut sich vom Alltag auszuklinken, auch wenn man die erlebten Eindrücke, vor allem in kreativen Berufen, weiter verwerten kann. Der erste Schritt ist denke ich in der heutigen Zeit leider nicht so schnell gemacht.
    Dir aber viel Glück & grüß die Domstadt

  19. Ich kann Dich in Sachen Auszeit gerne coachen.

    Du kennst mich, bin erfahrener Auszeitnehmer :)