Fotografie: Knackscharf ist keine Bildaussage

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Ich bin nicht immer auf alles stolz was ich so mache, aber auf meine Leidenschaft für Fotografie schon. Als ich vor drei Jahren den Paketboten herbeisehnte, der mir endlich meine erste Kamera bringen sollte, hatte ich keinen Schimmer, was das lostreten würde. Seitdem hat sich für mich eine Menge verändert. Ich nehme beispielsweise meine Umwelt bewusster wahr, als ich es vorher getan habe. Ich sehe, wie die Sonne unsere Erde mit Licht bespielt. Ich sehe manchmal Situationen, bevor sie eintreten und mit ein wenig Glück kann ich sie sogar festhalten. In den drei Jahren haben sich nach und nach zwei Regale mit Büchern zu dem Thema gefüllt. Wann immer es sich anbietet, bin ich im Netz damit beschäftigt, unzählige Fotos von Fotografen zu betrachten. Und wann immer es sich anbietet, fotografiere ich.

In den drei Jahren veränderte sich auch meine Herangehensweise an die Fotografie. Ich bin kritischer geworden. Mein Geschmack hat sich verändert. Das betrifft meine eigenen Fotos genauso wie die anderer. Ich ertappe mich dabei zu denken, dass ich viel zu spät mit der Fotografie begonnen habe – ja, eigentlich schon zu alt bin, um noch richtig etwas zu reißen. Ich ertappe mich auch dabei, mir zu Wünschen, dass viele Leute, die über das Fotografieren schreiben, eine Pause machen sollten. Dass sie eigentlich keine Hilfe sind, und nicht mit dem bestmöglichen Beispiel vorangehen. Ich sehe ein, dass es sehr sehr schwer ist, sinnvoll über Fotografie zu schreiben, und habe damit selbst schon vor längerem aufgehört. Ich ärgere mich jedes Mal, wenn mir mal wieder jemand schreibt: Tolles Foto, mit welcher Kamera hast du das gemacht? weil es den Denkfehler so schnell aufzeigt. Niemand würde jemals auf die Idee kommen, einen Maler zu fragen, mit welchem Pinsel er das Werk gemalt hat.

Die Fotografie wird von den meisten aber schlicht auf die Hardware bezogen. Ein großer Denkfehler, an dem die Kamerahersteller nicht unwesentlich Schuld tragen. Auch sie kommunizieren ständig irgendwelche technischen Details – die für ein gutes Foto aber vollkommen unerheblich sind. Auch “Fotomagazine” sind nicht anders, und noch schlimmer: Fotoblogs. Auch da sehe ich selten Leidenschaft für die Fotografie, für das Foto. Es findet sich kaum ein Fotograf, der nicht in jedem zweiten Beitrag über Hardware schreibt. Aber wer stellt eigene Fotoserien vor? Wer will eigentlich wirklich mit seinen Fotos etwas aussagen (Dass dein Foto knackscharf ist, ist leider keine Bildaussage)? Wer checkt eigentlich, dass er sich bei der Vorstellung anderer Fotografen eigentlich als Kurator aufspielt, aber nicht die Arbeiten des Fotografen super findet, sondern nur die portraitierten Damen?

Nein, das soll kein Rant gegen irgendwen werden. Es ist nur eine Beobachtung und eventuell ein Denkanstoß, beim nächsten Griff zur Kamera (oder in die Tasten) kurz innezuhalten, und sich zu fragen, ob es nicht etwas mehr Inhalt sein darf. Damit meine ich auch mich.

Stimmt doch alles gar nicht? Bitte einfach deutschsprachige Gegenbeispiele in die Kommentare schreiben. Ich freue mich darauf.

65 Kommentare (closed)

  1. Ich selbst kann nun nach ein paar Jahren mit meiner DigiSLR sagen, dass ich mittlerweile auch weniger wert auch die reine mechanische Technik lege. Ein tolles Foto ist einfach ein tolles Foto. Der Hauptgrund warum man Fotos doch macht liegt doch im Grunde das man etwas festhalten will, den einen Moment oder die Stimmung, die Technik kann da hilfreich sein aber macht bestimmt nicht das Bild besser oder schlechter. Beispiele hiefür sind doch zum Beispiel die große Lomo Bewegung oder die vielen Fotografen die auch heute noch mit Ihren Einwegkameras tolle Ergebnisse erzielen.

    Das die Deutschen grundsätzlich in einen leichten Technikschw**vergleich fallen wissen wir doch alle insbesondere seit der FC.

    Ich für meinen Teil mag lieber die unperfekten Bilder die einfach die Stimmung wiedergeben und wirkliche Momentaufnahmen sind.

  2. Ich stimme Dir voll und ganz zu. Man kann mit jeder Kamera fotografieren, es macht noch immer derjenige die Fotos der auf den Auslöser drückt. Ich hab auch mit einer analogen SLR tolle Fotos gemacht. Etliche Jahre her.

    Mir ist es aber auch schon passiert das ich vor ein paar Jahren noch eine Sony Digitalkamera hatte, wo Digitale SLR noch weit aus teuerer waren als heute. Ich ein gutes Bild machte (http://www.flickr.com/photos/frashier/233795627/), mich danach dann über die Qualität ärgerte und mir darauf eine SLR kaufte.

  3. Ich gehöre zu den Menschen, die öfters fragen ‘Welche Kamera hast du da benutzt?’. Aber es geht dabei nicht darum, zu wissen, was für ein Modell es ist, sondern nur, was für ein Typ Kamera.
    Es interessiert mich kein bisschen, welche technischen Details dahinterstehen und ich gebe Dir vollkommen Recht, die Aussage des Bildes steht im Vordergrund. Das sage ich nicht nur, das meine ich auch, darum geht es mir immer. Aber allein wegen dieser Frage gleich in Stereotypen zu denken, halte ich für ebenso falsch.

  4. Hey Kai,

    ich gebe dir in vieler Hinsicht Recht. Allerdings möchte ich anmerken, die technische Seite auch nicht zu unterbewerten.

    Pinselvergleich: Wenn ich ein Gemälde im Museum genau analysieren will, dann schau ich mir neben dem Inhalt, der Kompsition, den Farben, der Aussage, etc auch die Technik an. Das ist ein wichtiger Bestandteil einer Bildanalyse und dazu gehört in der Tat, mit welcher Pinselart das Gemälde gemalt wurde. Für feine Details den größten Pinsel zu nehmen wäre wohl nicht gut.

    Und jetzt das große Aber, um zurück zur Fotografie zu kommen und dir zuzustimmen: Es interessiert keinen, von welcher Marke die Pinsel stammten und mit wieviel Wasser mit welchem Kalkgehalt die Farbe verdünnt wurde. Dementsprechend lese ich nie Angaben wie Blende oder Verschlusszeit. Ist die Schärfentiefe gering, war wohl die Blende offen, sind Bewegung verwischt, dann lag’s an der Verschlusszeit, bei dem Portrait war anscheinend eine längere Brennweite im Spiel, und so weiter. Basics, klar. Aber ich finde, auch die sollte man kurz bei einem Foto berücksichtigen, falls man was daraus lernen möchte. Und alles was man nicht aus dem Bild heraussehen kann, ist unwichtig.

    Volle Zustimmung auch zu den Blogs, Foren, Hardwarewahn, etc…

    Gruß

  5. vergleiche auch: Diskussionen von (Hobby- und Profi)musikern, bevorzugt über (E-)Gitarren.

  6. Pingback: Neue Perspektiven mit dem Nikkor 14-24/2,8 | Der Stilpirat

  7. danke Martin ;) freut mich.

    Kai, die kamerahersteller tragen keine schuld wenn es den kauefern an kreativitaet mangelt. was haben die damit zu tun, sie suggerieren perfekte technik, das ist alles.
    fotomagazine? sind nicht anders? selbst schuld wenn man das zeug kauft. fotoblogs / fotoseiten? Du besuchst die falschen seiten wuerde ich mal sagen ;) gute kreative leute gibts es ausreichend, man kann sich tagelang durchs netz klicken ohne das einem langweilig wird. welche gruppe sprichst Du an? fotocommunities? viele gruesse S.

  8. Technik gehört zum Handwerk; das Material schafft und begrenzt die Möglichkeiten – in allen Künsten und in allen Genres und zu allen Zeiten! Das Handwerk sollte so umfassend wie möglich beherrscht werden, um der künstlerischen Idee nicht im Weg zu stehen. Jeder große Künstler war/ist ein hervorragender Handwerker, der sich seiner Möglichkeitenbewusst war/ist und der sich sein Material nach der Idee gewhält hat/wählt. Für das künstlerische Produkt ist der Entstehungsprozess unerheblich (es steht im Idealfall für sich), und doch trägt es die Spuren der Technik und des Materials in sich, hat es doch in seiner bestehenden Form nur auf diese eine Art und Weise (in diesem Augenblick, mit dem entsprechend genutzten Material, nach dieser Idee etc.) entstehen können. Kunst (bzw. kreatives Schaffen) hat immer mit Neugier zu tun – inhaltlich und technisch. Für das Schaffen von Kunst ist Berechnung und Handwerk genauso wichtig wie Zufall und Spontaneität. Eine Technik oder sogar der Entstehungsprozess selbst kann zum Kunstobjekt werden. Auch Zufall kann Technik sein.

    Ein völlig anderes Problem ist das Schreiben/Reden über Kunst: Das “Gefallen”, der Geschmack, und die eigene Wahrnehmung sind keine objektiven Argumente, sondern rein subjektiv (aber nicht minder wichtig!). Weitgehend objektiv hingegen lassen sich nur Aspekte wie Technisches oder Historisches beschreiben (das ist auch das, was man an Kunst lernen kann – die künstlerische Idee, die Inspiration und die Durchführung muss jeder selbst beisteuern). Zu diskutieren ist dann das Verhältnis von Inhaltlichem und Technischem. Das alles ist dann die Analyse des Lernenden, Interessierten, Forschenden usw.

    Insofern ist für mich der technische Aspekt der Fotografie enorm wichtig – ich will die Möglichkeiten meines Materials möglichst genau kennen und einsetzen können, um den jeweils gewünschten Ausdruck zu erreichen. Alleinige Fixierung auf Technik aber erzeugt Belangloses – und die beste Idee bringt nichts, wenn man sie nicht angemessen umsetzen kann.

    Puh. Soweit mein Erguss als Zusammenfassung, Ergänzung oder was auch immer zu dieser Diskussion. Ist vielleicht sowas wie mein “Ideal” von Kunst. Ich hoffe, es ist halbwegs verständlich, habs so runtergeschrieben.

    Grüße, c.

  9. Das ist ja so eine Diskussion, die immer mal wieder aufkommt. Und in den letzten Jahren ist es ja schwer in Mode gekommen immer mal wieder betonen zu müssen, dass man selbst ja das Bild gemacht hat, nicht die Kamera. Trotzdem denke ich muss man das etwas differenzierter betrachten. Technik ist nunmal ein wichtiger Teil der Fotografie, weniger, welche Kamera, Objektiv, usw, sondern vielmehr die Frage, wie ist dieses oder jenes Bild entstanden. z.B. Konzertfotos: Jemand, der vielleicht keine Ahnung hat, dass seine Kamera auch was anderes als Mehrfeldbelichtung hat, wird vielleicht nur mit einem Haufen überbelichteter Bilder nach Hause kommen, wenn ihm aber jemand ein, zwei kleine (Technik-)Tips gibt, sind die Ergebnisse direkt besser. Und es sind ja auch vor allem Fotografie-Einsteiger, die diese Fragen stellen.
    Und ist es nicht auch ein bißchen, dass wir uns so persönlich angegriffen fühlen, wenn uns jemand nach der Kamera fragt oder die Aussage kommt: ‘Deine Kamera macht aber tolle Bilder.’, weil wir uns vor allem in unserer Überzeugung, wir machen geile Bilder, gekränkt fühlen, weil jemand anders meint, es könnte auch andere Gründe für das tolle Bild geben als nur die eigene Übervision, die zu dem Bild geführt hat?
    Manchmal denke ich immer, die viel wichtigere Frage sollte sein, wie wichtig ist uns das Bild selbst, die Aussage des Bildes wirklich? Und wie wichtig ist das Ego dahinter, dass man uns auf die Schulter klopft, was für tolle Fotografen wir sind?

  10. In Dresden steht ein Denkmal, das an den Maler Caspar David Friedrich erinnert. Dessen Ausspruch scheint mir wie eine Antwort auf Deinen Post: „Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch, was er in sich sieht. Sieht er also nichts in sich, so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht.“

  11. Ein sehr guter Beitrag, hast du sicherlich schon hier oft genug gehört (Hab mir nur die ersten Kommentare durchgelesen). Das was ich derzeit versuche in meinen Fotos zu spiegeln ist irgendwie ein Gefühl, eine Aussage und das finde ich viel schwerer und viel wichtiger als mit welchen verdammten Objektiv ich das mache.

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