Im Interview: Wittek, Comiczeichner aus Hamburg.

Knallige Comiczeichnungen, Familienfotos aus den Siebzigern, nützliche Tipps für Zeichner und die, die es mal werden wollen, Skizzen, Studien, Fotos von herumliegenden Menschen und jede Menge absurder Ideen, skurriler Schnappschüsse und andere Absonderlichkeiten – wenn es ein Blog gibt, bei dem es mich regelmäßig ärgert, dass kein RSS-Feed verfügbar ist, dann ist das “Gästeblog” vom Hamburger Comiczeichner und Illustrator Wittek.

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Thomas Wittke, wie Wittek bürgerlich heisst, habe ich während eines Praktikums in dem damals gerade erst von Karl Nagel eröffneten Comic- und Illustrationsstudio Alligator Farm kennengelernt, wo der umtriebige Hans-Dampf-in-allen-Gassen sich als Mentor die Zeit nahm, uns Nachwuchszeichner zu erklären, wie denn das “überhaupt so geht mit den Comics”, worum man ein Panel lieber so statt so anlegt, was man sich bei Altmeistern wie Eisner oder Moebius anschauen sollte und, wie in meinem Falle – wie man den verdammten Stift überhaupt richtig hält. Während dieser tollen Zeit, in der ich viele interessante und äußerst talentierte Menschen kennenlernen durfte, habe ich eine Sache richtig schnell mitbekommen: So sehr es ein Berufstraum sein könnte, jeden Tag Superhelden in Spandexhosen zu zeichnen oder sabbernde Zombies über eine verbrannte Erde stolpern zu lassen, so schwer ist es auch, das Handwerk des Comiczeichners überhaupt zu erlernen.
Und noch schwerer ist es, von diesem Handwerk überhaupt leben zu wollen.

Wittek war so nett, sich ein paar meiner Fragen zu seiner Person und seinem Werdegang, dem Leben als Illustrator sowie seinem Blog in einem E-Mail-Interview zu stellen.

Los gehts:

Wittek, am Besten, Du stellst Dich selber mal kurz vor. Wer bist Du, wo kommst Du her? Was hast Du früher so gemacht, und was treibst Du heute so?

Geboren bin ich 1964 in der Stadt Dinslaken, von deren Bewohner man sagt, daß sie selbst nicht genau wüssten, ob sie eher zum Ruhrgebiet oder zum Niederrhein gehört. Auf jeden Fall gibt es da eine bekannte Trabrennbahn, die auch mal in einer Schimanski – Folge auftauchte und die PINTSCH BAMAG – Werke, die unsere Verkehrs – Ampeln gebaut haben. Dort hat mein Vater als technischer Zeichner gearbeitet.
Ich habe die Grund- und Hauptschule absolviert, war beim Bund, hab ne ABM als Maschinenschlosser gemacht, war lang arbeitslos, bevor ich Ende der 80er eine Umschulung als Druckvorlagenhersteller in einer Werbeagentur in Essen gemacht habe.

Was hat Dich überhaupt dazu gebracht, Comics zu zeichnen? In Deinem Gästeblog gab es ja mal die Rubrik “Alte Geschichten”, wo frühe Werke von Dir und Deinen Brüdern zu bestaunen waren – gab es Vorbilder für Dich? Woher kommt das Verlangen, Geschichten in Comicform zu erzählen? Und welche Zeichner haben Dich am meisten beeinflusst?

Fernsehen und Comics lesen war bei uns durch den Vater verboten, also meinen Brüdern Peter, Andreas und mir. Unser Vater war sehr streng, musst Du wissen, aber er dachte sich was positives dabei, er wollte, daß wir nicht mit “verdummenden” Medien in Berührung kommen, er selbst war sehr Kunstinteressiert und liebte gute Bücher. Ist ja eigentlich kein schlechter Ansatz, er hat´s nur auf die Spitze getrieben. Und er hat selbst gezeichnet, so Franquin – Zeug, das war beeindruckend für mich. All das hat dazu geführt, daß wir angefangen haben, eigene Comics zu zeichnen. Ich glaube, der Älteste von uns, der Peter hat damit angefangen, mit BATMAN – Geschichten, die er bei Freunden gesehen hat.
Vorbilder gab es viele, so ganz und gar konnte unser Vater die Comics ja nicht aus der Welt räumen: das fing an mit Barks, Goscinny & Uderzo, Foster und ging weiter mit den DC – und Marvel Zeichnern. Später, die Erwachsenen – Comiczeichner: Moebius, Corben, Caza. Danach kam dann der François Bourgeon, der heute noch zu meinen ganz großen Vorbildern gehört.

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Panel aus dem ersten BIZARR BAZAR, 1998

Wann hast Du beschlossen, dein Hobby zum Beruf werden zu lassen? Ist es in Deutschland überhaupt möglich, vom Comiczeichnen zu leben? Ich weiss, das Du so ziemlich für die Sache lebst – wie lässt sich dass mit schnöden Zwängen wie Miete usw. bewerkstelligen?

Den Auslöser kann ich Dir gar nicht so genau nennen, das war so um 1986, 1987 rum, als ich nach Schlosserausbildung und Schlosserausbildung auf den Trichter kam, mich in Werbeagenturen an Rhein und Ruhr zu bewerben. Die Eltern hatten nicht dazu beigetragen, der Entschluss kam von selbst, nachdem ich jahrelang Comics für die Schublade gezeichnet hatte, Bilder für die Schülerzeitung, Illustrationen für irgendwelche Freunde. Bis dahin hatte ich so ziemlich in den Tag hineingelebt und wusste keine andere Möglichkeit da herauszukommen, ich konnte ja nix anderes. Dann kam der Umzug nach Hamburg, das Studium, davor und danach arbeitete ich fast 10 Jahre insgesamt “frei” als selbstständiger Illustrator für Werbeagenturen, u.a. für Ully Arndt bei Public Toons.
Als Enora geboren wurde, musste ja wirklich jeden Monat die Miete reinkommen. Ein paar Jahre lebten wir von Einnahmen diverser Agenturjobs und Zeichentrickaufträgen, gelegentlich gab es mal einen Kolorierauftrag, Christine verdiente natürlich auch durch ihre Tätigkeit als Musiklehrerin. Aber irgendwann wurde die Selbstständigkeit so frustrierend und unsicher, ich hatte ständig das Gefühl über den Tisch gezogen und unterbezahlt zu werden, daß ich einen Schlußstrich zog. Natürlich mache ich zur Zeit noch Illustrationsjobs, aber nur, wenn ich die Auftraggeber und den Job mag.
Seit 2 Jahren arbeite ich nun als Postzusteller, da ist das Einkommen auch relativ gering, aber zumindest regelmäßig und sicher. Und man kann eine Menge Spaß dabei haben, das mache ich lieber, als mich mit Werbeärschen herumzuärgern.

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MECKI in der HÖRZU, für Ully Arndt ghostgezeichnet, 2001

Was treibt Wittek sonst so, wenn er nicht gerade mit dem Zeichnen beschäftigt ist?

Geht Dich nix an.

Auf Deiner Seite gibt es ja das grandiose Gästeblog – warum hast Du angefangen, dort über aktuelle Dinge zu schreiben? Wie wichtig ist die Teilnahme anderer an eben dem Gästeblog?

Der Gästeblog war ja Anfangs ein reines Gästebuch. Spätestens als es die Möglichkeit dort gab, Bilder hochzuladen, entdeckte ich es als Medium, mit den Wittek0815 – Usern in direktesten Kontakt zu treten, vorher lief ja alles sehr über die Website verteilt. Gästeblog deshalb, da es ja eine Mischung zwischen einem Blog und einem Gästebuch ist. Leider hatten und haben die “Gäste” anscheinend immer noch zu viele Hemmungen, ihre eigenen Arbeiten dort zu posten. Ein paar Ausnahmen gibt es ja, aber das ist längst nicht so, wie es am Anfang geplant war.
Wenn man mal davon absieht, daß mein Webwart (Ich bin da ja technisch überhaupt nicht so …) manches auch nicht sehr bedienungsfreundlich gemacht hat. Da gibt es noch einige Macken, die ausgebügelt werden müssen!

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NAZIZOMBIES GEGEN MANGAGIRLIES, 2001.

Und was hat es mit dem “Lying Man” auf sich?

Ja ha. Ursprünglich war der als Hommage an den Hamburger Künstler Christian 3 Rooosen gedacht, der hat auf seiner Website www.3rooosen.de vor Jahren schon seine Fotominiserie LYING MAN IN NEW YORK veröffentlicht. Die fand ich schon immer geil und zu den DIN – Tagen in Dinslaken 2006 habe ich mich da einfach mal in die Einkaufszone gepackt, das war der erste wittek´sche LYING MAN. Eine spontane Idee, danach habe ich mich ein paar mal während der Postzustellung hingelegt, in TNT – Uniform und das wurde dann ruckzuck ein Selbstläufer. Die LYING MAN IN HAMBURG haben der Arbeit dann selbstverständlich noch einen zusätzlichen Kick gegeben, deshalb haben die soviel Spaß gemacht. Mittlerweile gibt es die Reihe LYING MAN IN EIMSBUETTEL (das sind die Bilder, die privat und nicht auf der Arbeit aufgenommen sind) einige Gastbeiträge von Kollegen und ein Plagiat auf einem Rowohlt – Katalog.
Unklar ist, ob die das von mir oder von 3Rooosen abgekuckt haben, definitiv wurde aber 3Rooosen plagiiert.

Wie siehst Du den Zusammenhalt der deutschen Comicszene, speziell Zeichner? Beim Farmtreff (das monatliche Treffen der Alligator Farm) hängen ja schon immer eine Menge Leute rum und man scheint sich gut zu verstehen – ist das ein eher regionales Ding? Wie sieht es mit den Zeichnern aus anderen Städten bzw. Ländern aus? Tauscht man sich aus, arbeitet man zusammen?

Definitiv. Allein der Comicsalon in Erlangen, der alle 2 Jahre stattfindet und die größte deutsche Comicveranstaltung ist, zieht Unmengen von Zeichnern aus dem deutschsprachigen Raum an, ähnlich ist es auf kleineren Comicveranstaltungen, z.B. auf diversen Comicfestivals oder Messen in Hamburg und Berlin, Möglichkeiten gibt es immer. Der Alligatorfarm – Stammtisch ist ja genauso ein Comic – Mikrouniversum wie der INC.- Stammtisch, früher gab es ja auch das von der INC. initialisierte HEFTICH – Festival und die großen Comicausstellungen AM ANFANG WAR DER STRICH, etc. Der Wille, sich regelmäßig zu treffen ist immer vorhanden, das ist alles sehr familiär unter Comiczeichners.
Die gemeinschaftliche Zusammenarbeit an einem Projekt ist da ein bisschen komplizierter, wenn man nicht in einer Stadt wohnt, aber so was ist hinzukriegen und wird immer hinzukriegen sein. Interessant, wenn man bedenkt, daß früher sowas über Fotokopien und die Deutsche Bundespost lief …

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Panel aus DIE INSEL DER HEILUNG, getextet von Sven Taucke, 2008

Stell Dir vor, Deine Tochter kommt irgendeinmal auf die Idee, es Ihrem Papa gleichzutun und eine ähnliche Karriere anzustreben, wie Du sie angetreten hast – was würdest Du Ihr raten? Oder würdest Du darauf pochen, dass sie doch lieber eine Banklehre macht?

Arrgh. Darüber haben Christine und ich schon geredet, aber wir sind uns nicht sicher, wie wir auf so etwas reagieren werden. Was Enora will, muß sie für sich entscheiden … Man wird sehen, wenn sie Tennisstar werden will, halten wir sie vielleicht davon ab. Nee. Für die Frage ist es einfach noch ein bisschen zu früh.

Wir kommen gleich zum Schluss, vorher hätte ich aber gerne noch ein paar Empfehlungen für die Leser: Zeichner, Graphic Novels, Comics – muss nichts aktuelles sein, können auch gerne Klassiker sein…

ELEKTRA LIVES AGAIN von Frank Miller. DIE GEFÄHRTEN DER DÄMMERUNG und REISENDE IM WIND von François Bourgeon. ARZACH und DIE HERMETISCHE GARAGE DES JERRY CORNELIUS von Moebius. DEN, MUTANT WORLD und BLOODSTAR von Richard Corben. MAUS und BREAKDOWNS von Art Spiegelman. SPIRIT von Will Eisner. PALESTINE von Joe Sacco. Die SKETCHBOOKS von Robert Crumb. BOILED ANGEL von Mike Diana. Die Heftreihen HOPITAL BRUT von Le Dernier Cri aus Marseille/Frankreich und THANK GOD IT`S UGLY von Marcel Ruijters aus Harlem/Holland. HARD BOILED und RUSTY THE ROBOT von Frank Miller und Geoff Darrow. Nicht zu vergessen, der BIZARR BAZAR #1 von Wittek im Zwerchfell Verlag.

Nun die letzte Frage: Welchen Tipp hast Du für angehende Zeichner?

Das Aktzeichnen gehört zum Wichtigsten, wenn man anständig Comic zeichnen lernen will, nach wie vor. Selbst, wenn man sich auf Funnies, also Micky Maus – Geschichten, spezialisieren will, ist das Aktzeichnen nach Modell unerlässlich (Fotos bringen herzlich wenig). Eine der wichtigsten Grundlagen. Und – während des Studiums ist mir aufgefallen, wie wenig man autodidaktisch über Komposition lernt, über Farbwirkung, über Dramaturgie. Die ersten drei Monate im Studium haben mir das Gefühl gegeben, ich hätte in der Beziehung vorher mindestens 20 Jahre geschlafen. Und das wichtigste ntürlich – Ihr wisst, was jetzt kommt: Fleiss, Übung, Übung, jeden Tag mindestens eine Stunde zeichnen.

Und dabei viel Spaß haben!

Danke für Deine Antworten, Wittek!

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Wittek, Comiczeichner und Illustrator aus Hamburg, brachte 1998 mit dem Comiczeichnerkollegen Olaf “Loppe” Zelewski die BOILER – Comics heraus, deren schräges Science – Fiction Universum hauptsächlich aus Maschinen- und Schrottteilen besteht. Für ein paar Jahre wirkte er als 1. Vorsitzender der Initiative Comic Kunst e.V. (INC.) sowie als Veranstalter der Undergroundcomicbörse HEFTICH. Zwischen 2003 und 2008 agierte er als Herausgeber von 6 Ausgaben der Comic-Anthologie PANIK ELEKTRO (Schwarzer Turm). Eine ausführlichere Biografie findet Ihr hier, mehr von Witteks Arbeiten gibt es hier und auf seiner Website zu sehen.

Wittek – Foto: © Andreas Ebben 2007.
Zeichnungen: © Wittek 2008.
www.wittek0815comix.de

Veröffentlicht von Stephan Richter

Stephan Richter, der hauptberuflich als Kommunikationsdesigner versucht, seine nebenberuflichen Spleens wie Comics, Musik und Filme zu finanzieren, bloggte bis vor kurzem noch erfolgreich auf plockhead.com. Zu seinen weiteren Interessen zählen Kaffee, elektronische Musik und Bartwuchs.

2 Kommentare (closed)

  1. Schönes Interview mit dem besten Comiczeichner Deutschlands. Schöne ehrliche Antworten.
    Ist eine Schande, das große Verlage wie Carlsen und Ehapa etc. ihn nicht jeden Monat 3000 bis 5000 Euro in die Hand drücken und sagen: sei einfach kreativ.
    Eines Tages, wenn Herr Wittek nicht mehr unter uns ist und sein Name in den Geschichtsbüchern unter den wichtigsten und besten Comiczeichnern Deutschlands zu finden ist, und da drin steht, dass ihn niemand unterstützt hat und er die Post austragen musste (wo er in dieser Zeit Meisterwerke hätte zeichnen können)- dann werden viele Leute auf die großen Verlage mit dem Finger zeigen und ihnen sagen, sie sollen sich schämen. Und sie werden sich schämen und es bereuen.
    Demnächst werde ich von paar internationalen wichtigen Magazinen etc. interviewt werden und sie werden mich fragen, wie die Comicszene in Deutschland ist, dann werde ich sie aufklären wie mit großartigen Künstlern hierzulande umgegangen wird, wie sie im Stich gelassen werden etc.
    Das wird manchen großen Verlag hierzulande imagemäßig sehr gut tun, besonders wenn sie im Ausland mal wieder unterwegs sind, um neue Lizenzen zu kaufen…
    Denn was tun die Verlage, die Macht und Geld haben, hierzulande für die neunte Kunst und den Nachwuchs? Ausser paar Mangawettbewerbe, wo die Kids und ihre Talente ausgebeutet werden, gibt es nichts.
    Haben die mächtigen Verlage eine Comicschule gegründet? Nein.
    Haben sie eine Stiftung oder irgendwelche Stipendien für den Nachwuchs? Nein
    Haben sie irgendwelche Projekte am laufen, die wenigstens den non mainstream Künstlern eine Verdienstmöglichkeit geben, damit diese guten Künstler nicht irgendwo putzen gehen müssen? Nein.
    Und es wäre so einfach, das Geld ist da – aber nicht der Wille und das Herz anderen helfen zu wollen.
    Und dann beschwerden die sich, dass Deutschland keine Comickultur hat und den anderen Ländern hinterher hinkt.
    Es ist kein Wunder, warum Dragonball, Micky Maus, Asterix und Spiderman die Kinderzimmer und Filmleinwände schmücken…