Lasst mich doch alle in Ruhe vs Wie geil ist das denn?

Das eigentlich verwunderliche ist, dass ich mich selbst immer wundere. Dabei war es schon immer so: ich übernehme mich gerne. Gar nicht hin und wieder, sondern eigentlich immer. Jeder kluge Mensch weiss, dass es sehr sinnvoll ist, eins nach dem anderen zu erledigen. Sich immer nur auf eine Sache zu konzentrieren. Ihr wisst schon. Erst das Glas anheben, dann den Mund öffnen, Glas ansetzen, weiter anheben, dann schlucken. Ändert ihr die Reihenfolge, dann läuft die Sauce (ich weigere mich «Soße» zu schreiben) links und rechts herunter, ihr müsst einen Lappen besorgen, Schadensbegrenzung betreiben – Mehraufwand betreiben.

Nun scheint es aber in Zeiten wie diesen heutzutage mehr oder weniger unmöglich, sich auf die eine Sache zu konzentrieren. U.N.M.Ö.G.L.I.C.H.

Und so pendelt der Computermensch zwischen seinem Posteingang (gerne mindestens jede Minute), dem Browser – der inzwischen mein Hauptwerkzeug ist, dem Telefon, den Skype-Chats usw hin und her.

Haltet mich für bescheuert, aber ich habe bis zu diesem Satz zwei(!) Mal in meinen Posteingang geschaut. Es ist jetzt 10:45 – mein Arbeitstag ging um etwa 8 Uhr los, und seit ca 8:10 bin ich etwas gestresst. Das wird sich noch etwas steigern, weil ich gegen 14:00 feststellen werde, dass ich heute nicht mehr alles schaffen kann, was ich mir vorgenommen hatte.

Das mag traurig klingen, aber so war es schon immer. Wenn ich mich nicht wenigstens ein bisschen unter Druck fühle, dann produziere ich exakt gar nichts. Der Vorteil für sich selbst zu arbeiten ist ja erstmal, dass man selbstbestimmt ist. Aber glaubt mir, den Chef in mir wollt ihr nicht als Chef. Der glaubt tatsächlich, dass man immer alles perfekt machen muss. Alles.

Natürlich schweift man durch diese Arbeitsweise (hatte ich Twitter und Facebook schon erwähnt?) ständig und grandios ab. Im Prinzip hat das bisher geschriebene auch noch gar nichts mit der Überschrift zu tun. Also, im nächsten Absatz ein letzter Versuch zum Thema zu finden.

Es ist nicht einfach, aber es ist geil.

42 Kommentare (closed)

  1. … hab mir growl installiert, das zeigt mir immer an, wenn ne mail rankommt. damit ist zumindest das ständige zumailrüberwechseln weggefallen.

    Ansonsten hab ich mir grad nen CRM besorgt, das auch über todolisten kram etc. verfügt. hat mir auch geholfen.

    andererseits ist das problem wohl eher nen grundsätzliches, stellt sich die frage, ob zusätzliche software da hilft.

  2. Ich kann Dir nur zustimmen Kai. Mir ergeht es jeden verdammten Tag genauso.
    Ich helfe mir manchmal indem ich vom Rechner weggehe und auf Flipcharts schreibe :)
    Nur um dann schnell zurück und den Mailaccount zu checken.

  3. Ich habe (während ich deinen Beitrag gelesen habe) mein Handy auf neue Nachrichten überprüft….musste unterbrechen, da eine neue Mail reingekommen ist…welche mich dann auf eine andere Seite geschickt hat…erst als das erledigt war konnte ich zu Ende lesen.

    Du hast sowas von Recht :)

  4. Die Frage ist halt, ob man wirklich produktiver ist, wenn man sich nicht mit Twitter und Co ablenkt. Ich würde zum Beispiel bekloppt werden, wenn ich nicht alle paar Minuten mal in meine Timeline gucke, oder ab und zu einen Blogpost lese. Und nach einer kuzen Ablenkung kann man sich auch wieder gut auf die Arbeit konzentrieren und ist nicht so schnell genervt/gestresst.

  5. Pingback: Warum Druck nicht nur Diamanten erzeugt… | Der Typ von Nebenan

  6. Tja, wer es schafft, bei den ganzen Tools und dem ganzen Input noch einigermaßen mitzukommen, der kriegt von mir ein Eis und ein Fleiß-Sternchen!
    Und wenn man dann noch mehrere Baustellen gleichzeitig betreuen muss (wie Du oder ich oder fast jeder), na dann Gute Nacht!
    Ich habe gelernt, dass es wichtig ist auch mal NEIN zu sagen. Habe schon öfters den Feedreader einfach mal auf Null gestellt. Mails gelöscht, die nicht beantwortet werde müssen. Oder habe den Twitter-Stream einfach mal ein paar Stunden an mir vorbeiziehen lassen.

  7. Stänkermodus on (Sorry, daß Du gerade meine schlechte Laune abbekommst, Kai.):
    Ohne doppeltes “betreiben” in einer Zeile, einen Tempusfehler im drittletzten Absatz (“ist es schon immer gewesen” statt “war es schon immer”) und konsequenterer (Nicht-)Kommasetzung besonders beim erweiterten Infinitiv mit “zu” (so oder so) wäre der Text schon ein wenig perfekter. Ach ja, und das “Verwunderliche” am Anfang bitte groß.

    Was ich eigentlich sagen will: Man muß den Anspruch halt Anspruch sein lassen, sonst kommt man meist zu nichts. Eben ein bißchen mehr machen als denken. Was nicht heißen soll, man dürfe die Reflexion vernachlässigen.
    Als Alt(klug)rechtschreiber bin ich bei der “Sauce” natürlich voll auf Deiner Seite.

  8. Ich kenne das Gefühl und schätze es immer dann, wenn man etwas wirklich gut hinbekommen hat, denn für einen kurzen Moment bin ich dann so richtig zufrieden mit dem was ich geschafft habe. Ich weiß nicht, ob dieser Moment so befreiend sein könnte, wenn man während der Arbeit an der guten Sache nie unter Druck gestanden hätte und ganz abgeklärt alles fertig gemacht hat — obwohl ich das trotzdem manchmal gern’ könnte.

  9. Sprichst mir vollkommen aus der Seele Kai, und selbst wenn es noch soviele Programme gibt die einem das ganze erleichtern sollen denke ich wird es nicht einfacher alles nach festem Plan geregelt zu bekommen.

    Es gibt einfach zuviel Ablenkung, zuviel Aufgaben, zuviel Krims Krams der einen beschäfftigt. Meiner Meinung nach kann man da echt froh sein wenn man schon 75 % der gestellten Aufgaben erledigt. Aber trotzdem Lob an dich selbst ohne perfekte Rechtschreibung inspirieren deine Beiträge immer wieder ;)

  10. Prokrasination, kennen wir das nicht Alle?

    http://vimeo.com/9553205

    P.S.: Diesen Kommentar lesen und dann das Video anzuschauen ist auch pure … P R O K R A S T I N A T I O N :)

    P.P.S.: Sagte ich schon, dass ich seit ca. 2 Stunden versuche an meiner Seminararbeit weiterzuschreiben …

    P.P.P.S.: Mit diesem Kommentar und dem heraussuchen des Videos habe ich wieder roundabout 7 Minuten prokrastiniert…

  11. @Kai: Super – ich wusste gar nicht, dass wir im gleichen Unternehmen arbeiten und den gleichen Chef haben :D

  12. Immerhin haben wir alle noch die Zeit, über unsere Arbeit zu reflektieren, sonst gäbe es hier ja keine Kommentare :-)

    Mein Tipp (auch wenn es mir nicht immer gelingt): Mal ab und zu etwas NICHT machen, radikal weglassen, Stinkefinger zeigen. Man kann und muss nicht immer alles schaffen und man muss nicht alle paar Minuten seine Mails, Timelines, Statusmeldungen, etc. abrufen. Wer das tut, lässt sich freiwillig versklaven und ist selber schuld. Jammern hilft nix.

  13. Das Bild ist klasse. Wenn Die beiden nen Stück rücken, könnte ich mich jetzt gerne mal ne halbe Stunde daneben setzen und auf das Gebäude starren.

    cu, Claus

  14. >Aber glaubt mir, den Chef in mir wollt ihr nicht als Chef.
    >Der glaubt tatsächlich, dass man immer alles perfekt machen muss. Alles.

    Hahaha, geht mir genauso, deswegen bin ich auch wohl am besten mein eigener Cheffe ;)

    Das mit der inbox hab ich auch noch nicht im Griff …

  15. Speaking in Ture Words. Das scheint irgendwie eine neue Volkskranheit zu sein, leide ich auch dran. Fuck Multitasking, wir sind einfach inkompatibel zu diesem Bullshit. ;)

  16. frage mich heute auch schon wieder warum ich bis heute morgen um 5 vor dem rechner saß obwohl es schon hätte am freitag fertig seien können ;) ich habe zu viele hobbys

    @dirkes: “Als Alt(klug)rechtschreiber bin ich bei der “Sauce” natürlich voll auf Deiner Seite.” – war das jetzt ein oxymoron? ,)

  17. Ich weiß was du meinst und verstehe es völlig.

    Meine Lösung (zumindest für mich): Skype ausschalten (ausser hab nen Telefon-Meeting vereinbart oder “möcht was von jemandem”, Facebook und Twitter so schwere Passwörter dass ich mich nicht mal eben soooo schnell einloggen kann sondern erstmal nach dem Passwort suchen muss, Outlook einfach mal schließen. ToDo Liste auf Papier erstellen dann wird einem erst richtig bewusst dass man für Ablenkungen keine Zeit hat :)

  18. Mal wieder ein Artikel, bei dem ich gedacht habe: Kenn’ ich. Viel zu gut.

    Der eigene Anspruch und zeitgleich zig Ablenkungsmöglichkeiten ist wirklich oft schwierig.

    Das Schlimme: Durch den ganzen Input kommt man auf tausend weitere sinnvolle Ideen, die man umsetzen könnte – aber niemals realistisch in der zur Verfügung stehenden zeit schafft … schon garnicht mit dem Perfektionismus, den man sich dafür selbst verordnet hat …

  19. Das ständige Posteingang checken, mal eben die neusten Blogeinträge lesen (so wie diesen grade) und dabei wenig geschafft bekommen kenn ich nur zu gut.
    Ich empfehle dir zur Abwechslung das Buch “Payback” von Frank Frank Schirrmacher zu lesen. Dort wird genau das Phänomen thematisiert. Ich möchte jetzt hier keine Buchrezension schreiben- die gibt es schon zu Hauf. Jedenfalls haben mich viele beschriebene Sachverhalte darin zum Schmunzeln gebracht. Du wirst dich auch wiedererkennen ;-)

    So, ich werde nun den pc AUSmachen und für die nächste Klausuren lernen, denn die Kernaussage des Buches trifft es gut:

    Multitasking ist Körperverletzung.
    In dem Sinne, Edgar

  20. Das kenn ich nur zu gut! Es vergeht kaum ein Tag, wo ich mal alles getan hab, was ich tun wollte. Die To-Do-List wird nicht kleiner (das ich so eine Liste überhaupt brauche, spricht für sich), ständig kommt noch was neues dazu, bla bla…

    Kai, wenigstens bist du dein eigener Chef und hast ‘nen Job, der Spaß macht. Auf die meisten Leute trifft nicht mal eins von den beiden zu. Die machen einfach “irgendwas”, Hauptsache irgendwie Geldverdienen und müssen sich noch obendrein von (unsympathischen) Leuten rumkommandieren lassen. Von daher “jammerst” du auf einem ziemlich hohen Niveau. ;)

    Das Internet ist aber auch einfach ein ziemlich hoher Ablenkfaktor. Keine Ahnung was man da machen kann.

  21. wenn schon buchtipps, dann die richtigen: schrirrmacher ist (evtl. auch generationsbedingt) mit größerer innerer distanz zu den zeitvernichtenden effekten der neuen techniken unterwegs, ferner eher kulturkritisch. das buch ist hilfreich, die dinge einzuordnen und präzise zu benennen, aber aus meiner sicht untauglich, eigene verhaltensweisen ändern zu lernen. die meisten von uns sehen aber wohl doch überwiegend die chancen der diversen techniken und sind fasziniert von den möglichkeiten. und wenn dann auch noch der rechner ohnehin arbeits- kommunikations- und fungerät in einem ist – wie soll da eine grenzziehung funktionieren? mir selbst (seit 15 jahren selbsständig) hat über die reflexion hinaus folgendes buch sehr geholfen:
    „Die 4-Stunden-Woche: Mehr Zeit, mehr Geld, mehr Leben“ von Timothy Ferriss.

  22. die nerdisierung ist in vollem gange: zu viele freaks auf, die mehr zeit mit apps, gadgets, apps oder im web verbringen als mit freunden und partnern – oder mit sich selbst. was soll man sagen? falsch gesetzte prioritäten vielleicht!

  23. Bin sogar schon so weit, an Tagen mit Produktivitätszwang eine hosts-Datei mit Inhalt 127.0.0.1 facebook.com http://www.facebook.com twitter.com […] freizuschalten, um einerseits der Verlockung zu widerstehen, anderseits aber das restliche zur Arbeit nötige Internet zur Verfügung zu haben. Total krank, man schützt sich vor sich selbst. Das sind Momente, in denen man sich doch wünscht, Angestellter zu sein, ggf. sogar durch firmenseitige Einschränkungen ans Netz angebunden.

    Den Posteingang finde ich einfacher zu handhaben: alles sauber in Strukturen gefiltert, Notification nur bei Mails von bestimmten Absendern o. ä. und der Rest landet dann eben in der ebenfalls keine Benachrichtigung auslösenden Inbox.

  24. Musste gerade wieder daran denken das du gelernter Spedi bist. Das heißt doch eigentlich das du Stress von der Picke der Arbeitswelt kennen solltest und das auch einer der wenigen Vorteile in dem Job ist, mit Stress umzugehen und trotzdem 100% zu leisten. Also jammer nicht rum, Pussy! ;)

  25. wundertollstens. du sprichst mir quasi aus der seele. es klingt abgedroschen, aber ja! du hast mir durch deinen text tatsächlich die ersten arbeitsstunden versüßt. wir computer-menschen stehen nicht alleine da, aber vor allem: der tick, alle 2 minuten ins email-fach zu schauen, scheint ein normalzustand zu sein. ich muss mir also keine sorgen um meine psychische konstitution machen. alles roger, guter tag.

  26. Ja!
    Jetzt habe ich auch die meisten Kommentare gelesen.
    Zwischendurch nach Übersprungshandlungen recherchiert.
    Meinen Kommentar geschrieben. Und und jaaa endlich darf ich wieder meine E-Mails checken.

    Sonnige Grüße

  27. Och, das konnt´ich schon immer gut – auch als Angestellte. Nennt man – glaube ich – Multitasking-Fähigkeiten :-) Weniger nette Menschen bezeichnen das wohl als fehlende Konzentrationsfähigkeit. Mich stört es nicht, es gehört irgendwie dazu. Ich weiß, dass ich es abstellen kann bei (wichtigem) Bedarf.

  28. Ich schließe mein Mail Programm, wenn ich einen Task zu erledigen habe, der volle Konzentration erfordert.

    Und habe festgestellt: Die Welt dreht sich weiter, auch wenn ich für 4 Stunden mal keine Mails abrufe. …wer hätte das gedacht?! ;)

    Focus is the tool.

    Verknüpft mit ‘nem halbwegs ordentlichen GTD Setup (David Allen) und Merlin Mann’s “Inbox Zero” hat mir das sehr geholfen. Gina Trappani’s “Trusted Trio” (lifehacker.com) ist auch noch teileingeflechtet! ;)

    Happy Productivity!

  29. du hättest architekt werden sollen.
    ich glaub zu verstehen was du da gerade von dir gibst.
    jeden tag min. 100% o. mehr und alles gleichzeitig und
    gestern schon erledigt. willkommen in meiner welt!!

    beste grüsse aus esch

  30. Komisch. Geht mir genauso- mit dem kleinen Unterschied, daß es bei mir “Hobby” ist und nicht Arbeit… irgendwas mache ich falsch. ;)

  31. Dir ist schon klar, dass Du durch weniger Perfektionismus (noch) viel weiter kommen kannst? Und ganz nebenbei wirst Du dann auch viel entspannter.

    PS: Mir ist schon klar, dass es völlig unnütz ist, so etwas einem Perfektionisten zu sagen ;-)

  32. Ich weiß genau was du meinst! Habe auch mal 785 Wörter darüber geschrieben. Auf Apfelquak.de ist gerade auch eine Themenreihe zu “Nicht-ablenken-lassen-Software”. Für mich ist das nix. Bei mir muss der Wille zählen :D

  33. Danke für den Beitrag – endlich spricht es mal jemand aus. Zum Foto: Genau solche Motive, (ältere) Mitbürger in Rückenfigur habe ich in meiner fachpraktischen Kunstprüfung gezeigt. Wenn ich darf, klau ich das Foto und male noch ein weiteres Bild (aus Prokrastinationsgründen natürlich;-).

  34. Wie während der Arbeit Bloggs lesen….geht ja gar nicht…wisst Ihr was das Mühe macht, nach der Arbeit zu Hause ins Internet zu gehen…dabei Essen kochen..mal kurz die Whg.gesaugt..Wäsche runter in den Keller….Katze füttern und und und….wie gut Ihr es alle habt mit einem Internetanschluss am Arbeitsplatz…während ich euer Geld durch die Stadt karre im rollenden Tresor….:))) In diesem Sinne