re: re:publica 2009

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Ich habe in den letzten Tagen sicherlich 50 Artikel gelesen überflogen, die sich zur re:publica äußern. Viele Artikel von Leuten, die nicht einmal da waren, viele Artikel von Leuten, die im sicheren Schutze ihres Monitors heftigste Kritik üben, aber wahrscheinlich nicht einmal in der Lage sind, eine Party zu organisieren, auf der es gute Musik und kaltes Bier gibt. Es gab auch einige Beiträge die sachlich Vorschläge zur Verbesserung eines Events wie der re:publica gemacht haben, aber leider waren das bisher Ausnahmen.

Der allgemeine Tenor ist der, dass sich die Veranstalter weder richtig um die Organisation gekümmert haben (richtig: nicht funktionierendes WLAN, und das Fehlen eines Barrierenfreien Zugangs für körperlich eingeschränkte Menschen ist durchaus schwer nachzuvollziehen), bei der Auswahl der Sprecher sowie den Themen absolut daneben gefriffen haben, und sich ausschließlich selbst feiern.

Nun muß ich zugeben, dass ich Johnny Haeusler schätze. Mit den weiteren Organisatoren habe ich noch nie ein Wort gewechselt, mit Johnny schon. Johnny ist so ein Typ, von dem ich zu wissen glaube, dass er das was er macht liebt. Ein Fanboy, der weil er etwas erreichen will, auch mal über das Ziel hinausschiesst – also genau mein Geschmack.

Dass die Veranstalter nun dermaßen eins übergebraten bekommen, ist erbärmlich.

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Es ist überall zu lesen, dass die “Blogosphere”, die “Twitterer” und “Web2.0 Junkies” nur selbstreferentiell unterwegs waren – meine Lieben, das war in Deutschland noch nie anders! Wer mich ein wenig kennt, weiß, dass ich es überhaupt nicht mag, wenn man mich innerhalb der Blogosphere ansiedelt. Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass ich mit vielen Bloggern in den Deutschen Blogcharts Überschneidungspunkte habe. Ja, und so kommt es, dass ich auch auf der re:publica mit den meisten Leuten nicht gerade stundenlang reden kann/will.

Doch, und genau das ist der Grund, warum ich in 2008 da war, in diesem Jahr da war, und auch in 2010 wieder kommen werde: Unter diesen 1500 Besuchern sind so einige Menschen, mit denen ich mich nicht nur eine Stunde, sondern weitaus länger unterhalten kann. Ich habe beeindruckenden Vorträge gesehen, ich habe mich wieder tierisch aufgeregt, als ich mit “Blogs in Deutschland” angesehen habe, ich habe interessante Ansätze gesehen, die nicht zu Ende gedacht wurden, und vielleicht auch gar nicht dort zu Ende gedacht werden sollten. Und genau das mochte ich an der Veranstaltung.

Es liegt in der Natur der Sache, dass auf solchen Events viele Luftpumpen auflaufen. Aber guess what? Man kann sich dort ganz wunderbar aussuchen, mit wem man sich unterhält, wessen Beiträge man sich anhören möchte, und man kann sich dort auch einfach mal auf etwas neues einlassen. Das ist mindestens so einfach, wie in 140 Zeichen zu meckern.

Nun beschweren sich einige, man müssen sich wieder zusammenschliessen, mehr Social-Media Engagement (noch mehr?) solle es geben, sonst droht eine Krise. Die Krise würde dann daraus bestehen, dass Trends nicht wahrgenommen werden würden. Bitte? Und ich dachte immer Trends entstehen, wenn etwas auftaucht, das von alleine funktioniert, weil es das Bedürfnis vieler stillt – auch wenn sie davon vorher nicht wussten.

Ihr wollt drüber reden, ihr wollt planen, aber macht doch um Himmels Willen einfach mal! Glaubt ihr ernsthaft, dass Biz Stone jahrelang gebrütet hat, bis er euer liebstes Kommunikationstool ins Netzt gestellt hat? Ich denke nicht.

Übrigens, Twitter ging auch mir bei der re:publica die meiste Zeit auf die Nerven.

Meine Verbesserungsvorschläge werde ich direkt an die Veranstalter weiterreichen, aber sage hier schonmal danke, dass ihr diese Veranstaltung macht. Die re:publica ist wichtig, sie ist nicht perfekt, und wird es hoffentlich auch nie.

Update

Johnny beschreibt auf Spreeblick seine Sicht. Sollte man lesen.

25 Kommentare (closed)

  1. Ich habs dieses Jahr wiedermal nicht geschafft, aber je mehr ich davon höre, umso mehr will da auch hin. Nicht weil es DAS Treffen ist sondern weil dort Menschen sind, die ich kennenlernen will. Das mit dem Meckern ist in meinen Augen völlig normal bzw. zeigt es, dass uns die Geschichte wichtig ist. Deshalb danke für den ehrlich Beitrag, Herr Stylespion von nebenan. Schön mit Dir auf der Reise zu sein (mein ich so). Manchmal trifft man sich, manchmal weniger und nächstes Jahr auffe Republica.

  2. 100% Zustimmung.
    Von der re:publica wurde einfach zu viel erwartet: Am besten treten alle hypothetischen Aussagen direkt im Anschluss der Konferenz ein oder alle Redner gelten als aufgeblasene Schwätzer, die sowieso seid Jahren das Selbe erzählen. *kotz*
    Johnny hatte glaube ich auf seiner Keynote angemerkt das es hier um keine Revolution geht sondern um Evolution. Sehr richtig wie ich finde.
    Ein medialer Shift findet statt, das ist Fakt. Aber wo stand eigentlich noch einmal auf dem Programm das dieser auf der re:publica geplant und organisiert wird?

    Ich fand es auf jeden fall schön.

  3. Naja, wirklich geschrieben steht da ja nichts, aber auch hier gilt: Ich bin mir sicher, dass da einige Leute drei Tage lang nicht gut geschlafen haben. Soetwas kann passieren, ist ein wenig peinlich, aber es wird wohl im nächsten Jahr dafür sorgen, dass ein Netzwerk geboten wird, das auch 100000 Leute versorgen könnte ;)

  4. finde den beitrag sehr gut und würde ihn auch gerne unterschreiben. Für mich war die rp09 auch ein event, bei dem ich eine menge menschen kennengelernt habe und mich ausgetauscht habe. die “main-acts” habe ich mitgenommen – ich freue mich auf das nächste jahr

  5. im grossen und ganzen kann ich dir da nur zustimmen. hab mich zur rp09 ja bei mir auch schon mal kurz geäussert. für meinen teil habe ich genug mitgenommen, viele nette menschen getroffen und genau deswegen werde ich nächstes jahr wieder nach berlin fahren.

  6. Können wir den Stau auf der Heimreise auch den Organisatoren der re:publica in die Schuhe schieben? Den Eindruck habe ich zur Zeit, wenn ich so manche Kritik überfliege! So eine Konferenz lebt auch von den Teilnehmern, naja, insbesondere von den Teilnehmern.

    Mir hat es Spaß gemacht, ich habe viele (auch nette) Leute getroffen und konnte für mich persönlich was mitnehmen. Was will ich mehr? Nächstes Jahr wieder eine re:publica!

  7. Lass die Meckerer meckern. Mir hats gefallen. Mit Konferenzen ist es wie mit Städten. Es kommt auf die Leute an, mit denen man dort ist. Wer sich hinsetzt und darauf wartet, dass er entertained wird, soll Fernseh gucken.

  8. Die re:publica war klasse! Es gibt sicher hier und da Dinge, die sich verbessern lassen, aber im großen und ganzen war’s eine ganz gute Konferenz, die ich wahrscheinlich nächstes Jahr wieder aufsuchen werde. Zugegeben, das mit dem Internet hat mich auch ziemlich genervt, aber nachdem ich vor einigen Tagen den von Jeriko oben verlinkten Beitrag der Freifunker gelesen habe, habe ich das den Veranstaltern verziehen. Jetzt wissen sie ja für nächstes Jahr bescheid. :) Die großartigen Sprecher Doctorow und Lessig, sowie das wundervolle Klassentreffen der deutschen Internetmenschen drumherum, haben die Fahrt sehr, sehr lohnenswert gemacht.

    Ich für meinen Teil bin jetzt nur noch damit unzufrieden, dass ich nicht selbst auf die geniale “RE:” Shirt Idee gekommen bin, die jemand hatte: “RE: AW: AW: FW: RE: RE:” (sinngemäß). :)

  9. Tja, so ist das leider: Undankbarkeit findet seinen Weg viel schneller durchs Netz als Dankbarkeit. Ich war zwar (schon wieder) nicht vor Ort, aber das muss ich auch nicht gewesen sein, um den Veranstaltern meinen Respekt zu zollen. Das sind halt wirklich Macher. Und wer etwas macht, läuft auch immer Gefahr, etwas falsch zu machen.

  10. Ich kann in diesem Sinne auch nur eine Lanze für Markus Beckedahl brechen – also netzpolitik. Überzeugt von ihrer Sache und unterm Strich eine ganz großartige Arbeit. Ich fand die re:publica klasse. Für dieses Geld so viele – auch große Sprecher sehen zu können und auch das Netzwerken hat geklappt – wenn auch nicht das Netzwerken mit dem WLAN. Aber hey, deswegen war ich auch nicht da. Internet hab ich auch zuhause. Bestimmt hätte man dann vor Ort live berichten können… aber diese Form der Berichterstattung wird doch nur von den wenigsten wirklich wahrgenommen.

  11. schöner post kai, vielen dank dafür!

    denn:
    von “ich bin da was am planen dran” alleine passiert nichts.
    ideen sind plötzlich da und funktionieren – oder eben nicht.
    nicht meckern, einfach machen!

  12. Pingback: Re:publica ‘09 Nachlese | netzfeuilleton.de

  13. Also ich habe mir bisher (außer dieser Abhandlung) noch keinen Bericht über die re:publica durchgelesen. Warum? Nun ja. Das nicht jede Session super war bzw. meinen persönlichen Wissensstand respektiert, liegt in der Natur der Sache. Bei Barcamps und teureren Konferenzen kommt das auch vor. Aber darum geht es auch nicht. Ich hatte vier tolle Tage in Berlin, mit Freunden, Gesprächen, Vorträgen, schönem Wetter und einer tollen Stadt. Ich lasse mir meine Erinnerungen an eine schöne Zeit nicht zerstören und blicke lieber nach vorne, auf die re:publica 2010.

  14. Text: kann man so sagen.

    Völlige Zustimmung bei der Twitternutzung, #rp09 – Inflation des Hashtags. Aber das ist bei einem #amoklauf oder #flugzeugabsturz ja nicht anders. Schon seltsam, daß einem der “persönliche Newsticker” auf die Nerven geht, sobald im Real Life mal was passiert.

  15. Ich hatte ein paar wunderbare Tage in Berlin. Das war nicht nur durch die Konferenz bedingt und hätte auch nicht von der Konferenz geschmälert werden können, denn darauf kam es im Endeffekt nicht an: es waren viele interessante Menschen da, von denen man manche schon kannte, andere nicht, sich aber mit so gut wie allen gut und ‘meaningful’ unterhalten konnte. Dass die Sessions nicht alle super waren, Schwamm drüber. Wie Peter richtig anmerkt, ist das anderswo genauso, und an den Kenntnisstand jedes Einzelnen kann sich eine Session auch nicht anpassen. WLAN, ach, da erwarte ich schon lange nichts mehr. Zum einen ist es ein schweres Problem, zum anderen ein unglaublich unterschätztes. UMTS-Stick dabei und gut ist. Und was offenbar auch viele ignorieren, ist, auf welchem Level diese Veranstaltung mittlerweile stattfindet und was man sonst so für sowas bezahlt. Großen Respekt an die Organisatoren und Helfer! See you at rpX :)

  16. Pingback: Interessante Postings aus meinem Feedreader - 8. April 2009 | (( echoraum ))

  17. Das war jetzt der erste Beitrag zur re:publica, den ich komplett gelesen habe. Ich kann dir zu 100% zustimmen!

  18. Pingback: re:publica09 Resumé | 72dpiClub

  19. Ich war selbst dieses Jahr mal wieder nicht da, was ich bis jetzt gelesen habe war meistens nur von irgendwelchen Leuten die(immer)meckern, deinen Standpunkt kann ich vollkommen auch unterschreiben, eine Social Web o.ä. welches die rp nun mal ist lebt und stirbt nun einmal mit ihren Besuchern, das die deutsche “Blogosphäre” sich gerne selbst beweihräuchtert ist man ja auch gewohnt (kannst dich bestimmt an unsere (nüchterne) Unterhaltung vom DCC09 errinern ;) ) Mit dem Wlan nunja ist zwar ärgerlich aber was will man machen. Ich sehe nicht das Problem in den Veranstaltern sondern eher das Problem bei den unkonstruktiven Meckerern die sich nachher zu Wort melden. Jede größere Veranstaltung ist beta, musste ich feststellen. Alle die schon mal aktiv auf einer Messe gearbeitet haben wissen das. Irgendetwas klappt nie, egal wie gut man sich im Vorraus darauf vorbereitet.

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