Wenn der Alltag zum erfolgreich(st)en Marketinginstrument wird

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Warum schreibe ich eigentlich so viel Zeug ins Internet, und gebe damit so viel von mir preis? Ein Thema das mich zwangsläufig immer wieder beschäftigt, weil ich ständig darauf angesprochen werde.

Well, meine Erklärung dafür variiert, geht aber meistens in folgende Richtung:

Ich bin der Meinung, dass die Zeit der “Scheine” zu Ende geht. “Scheine” steht hierbei stellvertrend für alles, was einen Stempel bekommt. Ihr wisst schon, Abi-Zeugnis, Diplom, Ausbildungsschein, Zusatzqualifikation XY an der Abendschule, usw. Ich fand es schon immer etwas albern, dass Menschen Dingen die auf einem Stück Papier stehen, mehr Glauben schenken, als Dingen, die sie wirklich sehen können. Referenzen.

Ein Beispiel: Mir kann jemand 27 Auszeichnungen vorlegen, die bescheinigen, dass er oder sie den besten Käsekuchen der Welt backt. Es würde mich vielleicht kurz beeindrucken, aber es ist nichts im Vergleich dazu, von dieser Person einen Teller mit einem Stück ihres Käsekuchens auf den Tisch zu bekommen. Ich bin Fan von Käsekuchen, und ich werde – so es denn der Fall ist – jedem auf der ganzen Welt erzählen, dass ich den besten Käsekuchen der Welt gegessen habe, und: wer ihn gebacken hat. Keine weiteren Fragen, keine Zweifel.

Ähnlich verhält es sich damit, dass jemand bei einer Bewerbung seine eigene Persönlichkeit beschreibt. Wie soll das gehen? Teamfähig, immer geduldig, keine Kanten. Ist klar.

Zurück zum Bloggen. Ein persönliches Blog kann mir als Betrachter in kürzester Zeit etwas ähnliches bieten. Ich lerne dort den Menschen kennen, indem ich erfahre, welche Musik er mag, was er in seiner Freizeit tut, was er nicht mag, dass er zu viele Schachtelsätze schreibt, seine Offen- oder Verschlossenheit erkenne, und nicht zuletzt: seinen eigenen Output. Seine Referenzen!

Mir ist klar, dass das vor allem für Menschen Sinn macht, die in kreativen oder wissensbasierten Arbeitswelten zu hause sind. Aber, um zurück zur Einleitung zu kommen, das ist ja meine Ecke. Deshalb schreibe ich gerne und viel ins Internet, zeige, was ich so gemacht habe, was mir nicht schmeckt, womit man mich leicht bestechen kann, usw.

Natürlich kann man an dieser Stelle einwenden, dass es problemlos möglich sei, eine Online-Identität aufzubauen, die mit der “echten” nicht deckungsgleich ist. Das stimmt, aber es ist wie immer beim Lügen: mit der Zeit stellt sich die Wahrheit heraus. Immer. Wer auf Twitter nur meckert, wird kaum außerhalb seines Eingabefensters stets fröhlich grinsend durch die Gegend laufen. Umgekehrt natürlich auch nicht.

Und deshalb bin ich der Meinung, dass es auf lange Sicht kein besseres Marketinginstrument (schreckliches Wort, ich weiß) gibt, als seine Persönlichkeit auf diese Art und Weise zu dokumentieren.

Und den ganzen Text habe ich eigentlich nur als Einleitung für die folgenden zehn Blogs geschrieben, die ich sehr mag, und die meiner Meinung nach genau diesen Ansatz verfolgen. Ob das tatsächlich bewusst geschieht, ist dabei vollkommen egal. Alle Beispiele zeigen Menschen, die sich vor allem durch Fotografie mitteilen. Und mit allen würde ich verdammt gerne mal einen Kaffee trinken, weil ich denke, dass ich sie nur durch ihren Blog und ihre Arbeiten so gut kenne, dass wir uns prima verstehen würden.

10 Beispiele

Annette Pehrsson

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Annette Pehrsson lebt in Schweden und steht auf analoge Fotografie. In ihrem Blog «The Hymn for Cigarettes» postet sie sehr persönliche Aufnahmen, die auf eine eigenartige Weise wahnsinnig wenig Distanz zulassen. Warum sie, obwohl sie in Schweden lebt, dabei selten Oberbekleidung trägt, bleibt ihr Geheimnis.

Megan Cullen

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Die Australierin Megan Cullen lebt in Berlin, reist aber dank ihres Jobs durch die ganze Welt. In ihrem Blog zeigt sie Alltagsfotografie und Auftragsarbeiten. Ein perfektes Beispiel.

Sandra Juto

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Sandra Juto hat ich erstmals hier vorgestellt, später konnte ich sie überreden, bei 15 + 1 Fragen mitzumachen. In ihrem Blog zeigt die Göteborgerin, dass gutes und hübsches Essen, ihre Umgebung und ihre Arbeiten ein stimmiges Gesamtbild ergeben.

Megan Kathleen Mcisaac

Megan Kathleen Mcisaac

Megan stammt aus Michigan und lebt in Portland. In ihrem Blog «hello, romantic.» posted sie Erlebtes, Gemochtes und dazwischen immer wieder neue Fotoarbeiten.

Brian W Ferry

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Brian ist vor ein paar Monaten von Brooklyn nach London gezogen. Seitdem postet er nicht mehr so oft wie früher, aber es geht ja nicht um Quantität. Seine Fotos haben eine schöne Ästhetik und sind selten spektakulär.

Sein Blog.

Hilda Grahnat

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Hilda lebt und studiert (Grafikdesign) in Malmö. Ihr Blog «Forever Is Today» ist in schwedisch, ich verstehe also kein Wort. Und trotzdem ist jeder neue Beitrag dort eine Freude, denn ihre Aufnahmen, besonders die Aufnahmen von Innenräumen, sind großartig.

Kiddet

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Die 21-jährige Hanna lebt wie Sandra Juto in Göteborg und fotografiert mit Vorliebe die kleinen Dinge des Lebens. Bonus: Katzencontent!

kiddet.blogspot.com

Lou O’ Bedlam

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Lou zeigt vor allem, und davon unglaublich viel: Fotos von hübschen Frauen. Lou fotografiert nicht hauptberuflich, dafür aber umso ausdauernder. In seinem tumblr gibt es täglich neues Material, meistens mit kleinen Anekdoten dazu. Vorsicht: Man wird schnell neidisch, weil in LA scheinbar immer bestes Wetter und perfektes Licht für Shootings (vorhanden) ist.

Laura Taylor

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Wenn ich hier schon auf Lou verweise, darf Laura Taylor natürlich nicht unerwähnt bleiben. Laura wird ständig von Lou abgelichtet, steht aber auch selbst hinter der Kamera.

Dana Lauren Goldstein

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Dana als letztes Beispiel. Ihr Blog fällt hier aus der Reihe. Vom Inhalt her sehr viel derber, trotzdem ein Beispiel, dass auch sehr markantes, teilweise agressives Auftreten seine Wirkung nicht verfehlt.

57 Kommentare (closed)

  1. warum entdeckte ich dich erst jetzt vor ein paar minuten? sehr sympathischer schreibstil.
    morgen werde ich mir sicher alles mal etwas genauer ansehen.

  2. “Ein Beispiel: Mir kann jemand 27 Auszeichnungen vorlegen, die bescheinigen, dass er oder sie den besten Käsekuchen der Welt backt. Es würde mich vielleicht kurz beeindrucken, aber es ist nichts im Vergleich dazu, von dieser Person einen Teller mit einem Stück ihres Käsekuchens auf den Tisch zu bekommen. Ich bin Fan von Käsekuchen, und ich werde – so es denn der Fall ist – jedem auf der ganzen Welt erzählen, dass ich den besten Käsekuchen der Welt gegessen habe, und: wer ihn gebacken hat. Keine weiteren Fragen, keine Zweifel.”

    btw

    Ist eine Urkunde nicht auch eine Art festgehaltenes “ich habe den besten/einen sehr guten Käsekuchen gegessen”? Ein Zertifikat etc. wird ja nicht auf Verlangen aus einer Maschine ausgespuckt. Da hat ja jemand vor dem “Ausstellen” der Urkunde selbst “probiert”.

    Sonst stimme ich Dir aber zu…insb. die Sache mit der Bewerbung.

  3. Ein sehr schöner Eintrag – wäre mir auch ein Flattrchen wert.
    Du solltest definitiv mehr Blogempfehlungen bloggen!

  4. Das unterschreibe ich so! Und, auch ich habe meinen momentanen Job nicht einem Lebenslauf sondern meinem kleinen bescheidenen Blog zu verdanken. Find ich gut sowas!

  5. deine “prophezeiung” bezüglich der zweitrangigkeit der scheine empfinde ich als sehr schöne zukunftvision. habe mir auch schon oft gedacht, was interessieren sich die leute so sehr für irgendwelche schriftstücke. ich glaube es steckt viel bequemlichkeit dahinter, man muss sein gehirn nicht einschalten um sich selbst ein bild über einen menschen zu machen. ausserdem scheint man mit scheinen als einstellender über scheinbar objektive kriterien zu verfügen, die die richtigkeit der entscheidung keine anstellung/anstellung stets zu beweisen scheinen. je kreativer die tätigkeit – und die arbeit an sich wird in zukunft wohl immer kreativer werden, die maschinen können ja den mechanischen stumpfsinn alleine ausführen – umso wichtiger werden dann wohl die internetidentitäten als visitenkarten der eigenen ideen und visionen

  6. ich glaube, ich denke zu viel nach.
    kann man das so sagen?
    es gibt phasen, da macht mir das knipsen keinen spaß, weil irgendwie alles schon mal gesehen, geknipst oder irgendwie erfunden wurde.
    deinen blog kenn ich noch nich so lang, aber er hilft mir festzustellen, dass es helfen muss, völlig losgelöst an situationen heranzugehn, ein gewisses easy-living bei seiner kreativität zu erlangen. widerspricht irgendwie meinen letzten jahren, da stets massiv zielorientiert gearbeitet wurde. aber an vielen deiner beiträge erkenne ich für mich, dass die kamera ein begleiter ist, einen nicht fesseln darf und im grunde den persönlichen eindruck vom jetzt festhalten sollte. jedenfalls trifft das auf meine fotografischen ziele zu…
    ich weiss mittlerweile nicht mehr, wohin mit den ganzen guten eindrücken, den links, den bildern, filmen und und und – vielleicht sollte ich meine art zu bloggen mal überdenken.

    grüße us kölle,
    roman